1.1. Moralische Größen und moralische Kräfte

 

In seinem fünften Buch betrachtet Clausewitz die Streitkräfte und stellt dabei fest:

 

„Der Mut und der Geist des Heeres haben zu allen Zeiten die physischen Kräfte multipliziert und werden es auch ferner tun;“[1]

 

Er bezieht sich hier auf moralische Größen, welche die Streitkräfte in ihrem Kampfwert verstärken und ohne die die Streitkräfte gar nicht als solche gedacht werden können. Es ist die Bereitschaft, andere zu töten und sich selbst der Gefahr auszusetzen, getötet zu werden; kurz: es ist der Wille zum Kampf. Dabei ist es sicherlich eine der faszinierendsten und gleichwohl wundersamsten Erscheinungen des Krieges, dass sich Menschen finden, die sich an ihm aktiv beteiligen.

 

An dieser Stelle muss eingeschoben werden, dass der Wille zum Kampf nicht mit den Motiven zum Krieg zu verwechseln ist, die im Teil IV dieser Arbeit untersucht wurden. Denn der einzelne Kämpfer bzw. ein Zusammenschluss derselben, also eine Armee, ist nicht diejenige Instanz, welche über Krieg und Frieden entscheidet, sondern sie wurde gemäß der Clausewitz’schen Kriegstheorie von einer höheren Macht, dem politischen Gemeinwesen, dazu bestimmt. Insofern ist der Versuch van Crevelds, die Ursachen des Krieges durch die Motivation der Kämpfenden zu erklären,[2] nicht mit den Clausewitz’schen Gedanken vereinbar und – wie ich glaube – auch realitätsfern.

 

Die Mittel, mit welchen Individuen zum Kampf bewegt werden können, sind sicherlich ebenso vielfältig wie die Möglichkeiten des politischen Gemeinwesens, den Menschen überhaupt zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Meist wird es moralische Gewalt sein, in wenigen Fällen auch physische, oft auch ein Ausgleich bzw. ein Handel.[3] So sind beispielsweise Religion oder Nationalbewusstsein moralische Zwangsmittel, Haftstrafen und körperliche Züchtigungen physische Zwangsmittel und schließlich dann das Inaussichtstellen von sozialem oder materiellem Zugewinn ein Ausgleich für die erbrachte Dienstleistung.[4] Welche dieser verschiedenen Methoden das politische Gemeinwesen nutzt, um die Individuen an den Ort zu bewegen, an dem sie kämpfen sollen, und wie es ihnen zuvor die notwendigen Fähigkeiten beibringt, ist für Clausewitz kein bedeutsames Thema.

 

Wenn es nun aber darum geht, die moralischen Streitkräfte zu bemessen und mit anderen zu vergleichen, so muss die Motivationslage des einzelnen Individuums auch wieder in Betrachtung kommen, denn schließlich wird die Widerstandskraft gegen die Gefahr oder gegen eine gegnerische Überzahl eine andere sein, wenn das kämpfende Individuum aus eigener Überzeugung kämpft, als wenn es in die Armee gepresst wurde und gern die erste Gelegenheit zur Flucht nutzen würde.

 

Aber der Reihe nach. Clausewitz gilt zu Recht als der bedeutendsten Militärschriftsteller, der das moralische Element in die Betrachtung der Kriegstheorie aufgenommen hat.[5] Die Erschließung des Feldes „moralische Größen“ gestaltet sich dabei nicht ganz einfach, wenn man sich stringent am Text orientieren will.[6] Es sind drei Passagen, welche sich ausführlicher damit befassen: Zum einen das dritte Kapitel des ersten Buches über den kriegerischen Genius, welches ich oben bereits ausführlich analysiert habe.[7] Die darauf folgenden Kapitel über die Gefahr, die körperlichen Anstrengungen, die Ungewissheiten und die Friktion im Kriege befassen sich, anders als von Kleemeier dargestellt,[8] nicht mit den moralischen Größen selbst, sondern stellen diejenigen Faktoren heraus, welche die moralischen Kräfte herausfordern, ihnen also entgegen stehen. Zweitens werden die moralischen Größen im zweiten Kapitel des zweiten Buches im Rahmen der Theoriebildung problematisiert. Demnach sind moralische Größen weder quali- noch quantifizierbar und aus diesem Grunde müssen einer Theorie des Krieges in ihrer dogmatischen Aussagekraft enge Grenzen gesetzt werden. Dies kulminiert in dem Begriff der Eigentümlichkeit des Krieges, dem ich mich bereits im Kapitel IV.2 ausführlich gewidmet habe. Die dritte Passage findet sich schließlich in den Kapiteln drei bis sieben des dritten Buches. Hier macht Clausewitz die für uns wichtige Unterscheidung zwischen den moralischen Größen und den moralischen Hauptpotenzen und thematisiert darüber hinaus die kriegerische Tugend des Heeres, die Kühnheit sowie die Beharrlichkeit näher.

 

Soll nun das Themenfeld der moralischen Größen erschlossen werden, so sind zuvorderst einige Begrifflichkeiten zu klären. In Bezug auf die Kriegstheorie nutzt Kleemeier den Begriff der moralischen Größen vorrangig normativ. Demnach versucht sie mittels der Analyse der von Clausewitz angesprochenen moralischen Größen das Bild eines „optimalen Soldaten“[9] nachzuzeichnen und stellt sie an anderer Stelle zumindest indirekt dem Begriff der menschlichen Schwäche entgegen.[10] Dies allein weist bereits auf einen fragwürdigen Umgang mit dem Begriff der moralischen Größen hin. So wäre nach diesem Verständnis z.B. Furcht keine moralische Größe, sondern eine menschliche Schwäche. Problematisch ist diese bewertende Sichtweise deshalb, weil hier geistige Eigenschaften nach einem vollkommen unklaren Maßstab bewertet werden sollen, obwohl sie – dem Clausewitz’schen Wortgebrauch entsprechend – eigentümlich sind, d.h. in jedem Individuum eine ganz individuelle Wirkung zeigen können. So ist Mut nur in einem gewissen Grade für die Kriegsführung zuträglich und führt im Übermaß zu Übermut und einem blinden Draufgehen, welches letztlich in Bezug auf den militärischen Erfolg schädlich wirken würde.[11] Analog verhält es sich mit dem Begriff der Furcht, die zwar möglicherweise als menschliche Schwäche betrachtet werden könnte, doch aber stets in einem gewissen Maße vorhanden sein sollte, damit der Kämpfer den notwendigen Respekt vor der Gefahr aufweist und nicht blindlings in sein Verderben rennt. Wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit Hass, der fraglos in bestimmtem Rahmen den als positiv bewerteten Mut steigert; ist er folglich eine moralische Größe, wohingegen Liebe als menschliche Schwäche ausgelegt wird, weil sie zu Verlustängsten führt, die Furcht also steigert und demnach der Kriegsführung abträglich ist? Sicher nicht.

 

Das Clausewitz’sche System legt eine andere Sichtweise nahe. Der Begriff der Größe entstammt der Naturwissenschaft und beschreibt eine objektiv quantifizierbare Eigenschaft. Beispielsweise Länge, Breite, Höhe, Gewicht oder Zeit sind Größen, weil sie mittels Maßeinheiten operationalisiert und messbar werden und somit verschiedene Gegenstände in Bezug auf die jeweilige Eigenschaft miteinander vergleichbar machen. Beispielsweise Schönheit ist im naturwissenschaftlichen Verständnis demnach keine Größe, da es sich um keine quantifizierbare Eigenschaft handelt; um Schönheit vergleichbar zu machen, müsste sie zunächst operationalisiert werden, d.h. es müsste ein Konstrukt gebildet werden, mit dem verschiedene Probanden verglichen werden könnten. Der Vergleich spielt nun in der Taktik sowie in der Strategie eine maßgebliche Rolle, wenn nämlich im Vorfeld des Gefechtes oder des Krieges ein Kampfkraftvergleich durchgeführt werden soll. So wird sich der A sinnvollerweise nur dann auf ein Gefecht einlassen, wenn er Aussicht auf Erfolg hat und diesen hat er, wenn er kampfkräftiger ist als der andere. Der militärische Führer sucht also unvermittelt nach unterschiedlichen Größen, die er bei sich und dem Gegner miteinander in Vergleich setzen kann, um im Ergebnis zu einem treffenden Urteil zu finden. Das klassische Beispiel dazu bildet der schlichte Zahlenvergleich. Dazu schreibt Clausewitz:

 

„Entkleiden wir so das Gefecht von allen Modifikationen, die es nach seiner Bestimmung und den Umständen, aus welchen es hervorgeht, bekommen kann, abstrahieren wir endlich von dem Wert der Truppen, weil dieser ein Gegebenes ist, so bleibt nur der nackte Begriff des Gefechts, d. h. ein formloser Kampf übrig, an dem wir nichts als die Zahl der Kämpfenden unterscheiden.

 

Diese Zahl wird also den Sieg bestimmen. Schon aus der Menge von Abstraktionen, welche wir haben machen müssen, um auf diesen Punkt zu kommen, ergibt sich, daß die Überlegenheit der Zahl in einem Gefecht nur einer der Faktoren ist, aus welchem der Sieg gebildet wird, daß also, weit entfernt, mit der Überlegenheit der Zahl alles oder auch nur die Hauptsache gewonnen zu haben, vielleicht noch sehr wenig damit erreicht ist, je nachdem die mitwirkenden Umstände so oder anders sind.“[12]

 

Die Zahl der individuellen Kämpfer ist also unbestreitbar eine Größe im physischen Verständnis, d.h. eine quantifizierbare Eigenschaft der gegeneinander antretenden Streitkräfte. Auch das „Waffenverhältnis“[13], d.h. die Zusammensetzung der Streitkräfte in Bezug auf ihr Kriegsgerät, ist eine physische Größe, wenngleich sie auch wesentlich schwieriger zu bewerten ist als die bloße Zahl.

 

Solche Größen sind es also, welche die Kriegstheorie sucht, um Faktoren für einen Kampfkraftvergleich zu finden. Vor diesem Hintergrund ist es eine durchaus feine Wortironie, wenn Clausewitz die bisherige Theorie bezichtigt, die gewichtigen ‚moralischen Größen‘ nicht zu berücksichtigen. Im gleichen Zuge schreibt er jedoch, dass sich diese Größen nicht in Zahlen und Worte fassen lassen:

 

Es sind die Geister, welche das ganze Element des Krieges durchdringen, und die sich an den Willen, der die ganze Masse der Kräfte in Bewegung setzt und leitet, früher und mit stärkerer Affinität anschließen, gleichsam mit ihm in eins zusammenrinnen, weil er selbst eine moralische Größe ist. Leider suchen sie sich aller Bücherweisheit zu entziehen, weil sie sich weder in Zahlen noch in Klassen bringen lassen und gesehen oder empfunden sein wollen.

 

Der Geist und die übrigen moralischen Eigenschaften des Heeres, des Feldherrn, der Regierungen, die Stimmung der Provinzen, worin der Krieg geführt wird, die moralische Wirkung eines Sieges oder einer Niederlage sind Dinge, die an sich sehr verschiedenartig sind und in ihrer Stellung zu unserem Zweck und unseren Verhältnissen wieder sehr verschiedenartigen Einfluß haben können.

 

Wenn sich auch in Büchern darüber wenig oder nichts sagen läßt, so gehören diese Dinge darum doch zur Theorie der Kriegskunst so gut wie alles andere, was den Krieg ausmacht. Denn ich muß es noch einmal sagen: es ist doch eine armselige Philosophie, wenn man nach alter Art seine Regeln und Grundsätze diesseits aller moralischen Größen abschließt, und sowie diese erscheinen, die Ausnahmen zu zählen anfängt, die man dadurch gewissermaßen wissenschaftlich konstituiert, d. h. zur Regel macht; oder wenn man sich dadurch hilft, an das Genie zu appellieren, welches über alle Regeln erhaben ist, wodurch man im Grunde zu verstehen gibt, daß die Regeln nicht allein für Dummköpfe geschrieben werden, sondern auch wirklich selbst dumm sein müssen.

 

Wenn die Theorie der Kriegskunst wirklich auch weiter nichts tun könnte, als daß sie an diese Gegenstände erinnert, daß sie die Notwendigkeit dartut, die moralischen Größen in ihrem ganzen Wert zu würdigen und in die Rechnung mit aufzunehmen, so hätte sie ihre Grenzen schon über dieses Reich der Geister ausgedehnt und durch die Feststellung dieser Gesichtspunkte jeden im voraus verurteilt, der sich bloß mit dem physischen Verhältnis der Kräfte vor ihrem Richterstuhl rechtfertigen wollte.“[14]

 

Überhaupt von moralischen Größen zu sprechen ist also ein kleiner Widerspruch, wenn diese nicht messbar und nicht kategorisierbar sind. Vielleicht ist aber auch die Annahme treffender, dass der General dem Menschen eine gewisse Beschränktheit unterstellt, indem er die moralischen Größen an sich zwar für prinzipiell quantifizierbar hält, den menschlichen Geist aber als nicht hinreichend ausgeprägt betrachtet, um diese Größen erfassen zu können. Der menschliche Geist denkt und fühlt demnach zu komplex, als dass er sich selbst in diesem Denken und Fühlen kategorisieren und operationalisieren könnte. Welche der beiden Sichtweisen aber Clausewitz zuzuschreiben sind, muss letztlich ungelöst bleiben.

 

Der an dieser Stelle viel entscheidendere Punkt ist jedoch, dass moralische Größen in unbekannter Vielfalt vorkommen. Betrachten wir die physische Größen eines Körpers, so finden wir zunächst Länge, Breite, Höhe, Gewicht, Dichte, Volumen, Temperatur, Alter – je länger darüber nachgedacht wird, desto mehr physische Größen fallen ein, welche allesamt Eigenschaften eines physischen Körpers darstellen – so ist es mit den Eigenschaften des Geistes ebenfalls, nur um die Problematik verstärkt, dass „sie sich aller Bücherweisheit zu entziehen“[15] vermögen. Vor diesem Hintergrund – und auf diesen Punkt wollte ich hinaus – ist es an sich eine fragwürdige Interpretation, wenn Kleemeier versucht die moralischen Größen normativ zu betrachten oder auch „nur die wesentlichsten Faktoren in Betracht [zu] ziehen“[16] und erst recht, wenn sie versucht daraus das Bild eines „optimalen Soldaten“[17] zu zeichnen. Dies ist letztlich genau der Versuch einer Dogmatisierung, gegen welchen Clausewitz sich wandte. Der Begriff der moralischen Größen kann für den Kriegsphilosophen nur in einem absolut abstrakten, vielseitigen und diffusen Verständnis gehalten werden. So sind sämtliche Emotionen und Empfindungen, auch Ideen und Gedanken und nicht zuletzt Charakter und Gemütseigenschaften einzelner Individuen als moralische Größen zu verstehen, da sie allesamt potentiell eine Einflussgröße für die Kriegsführung darstellen. Anders als physische Größen lassen sich demnach moralische Größen nur fühlen, empfinden und abschätzen, nicht aber messen.[18]

 

Moralische Größen sind also ein als abstrakter, grundsätzlich neutraler Oberbegriff für sämtliche geistige Eigenschaften und als Komplement zu dem Begriff der physischen Größen zu verstehen. Der für die Kriegstheorie und den Kampfkraftvergleich spezifischere Begriff ist der der moralischen Streitkräfte oder einfach nur der moralischen Kräfte. So schreibt Clausewitz:

 

Der Verlust an physischen Streitkräften ist nicht der einzige, den beide Teile im Verlauf des Gefechts erleiden, sondern auch die moralischen werden erschüttert, gebrochen und gehen zugrunde. Es ist nicht bloß der Verlust an Menschen, Pferden und Geschützen, sondern an Ordnung, Mut, Vertrauen, Zusammenhang und Plan, welcher bei der Frage in Betrachtung kommt, ob das Gefecht noch fortgesetzt werden kann oder nicht. Diese moralischen Kräfte sind es vorzugsweise, welche hier entscheiden, und sie waren es allein in allen Fällen, wo der Sieger ebensoviel verloren hatte als der Besiegte.“[19]

 

Der Begriff der moralischen Kräfte ist also weitaus spezieller als der der moralischen Größen, da er nicht sämtliche Emotionen, Ideen, Eigenschaft usw. erfasst, sondern konkret nur diejenigen moralischen Größen, die den physischen Kräften den Willen und die Energie zum Handeln geben. Die moralischen Kräfte sind also die Summe aller moralischen Größen, welche in einer Streitkraft das kriegerische Handeln hervorrufen, bestärken und gegen Widerstände wappnen. In diesem Lichte ist unter der Vernichtung der Streitkräfte weniger die faktisch physische Tötung der einzelnen Individuen zu verstehen, sondern vielmehr die Vernichtung des Kampfwillens der einzelnen Individuen durch die Zerstörung der moralischen Kräfte.

 

Der Krieg stellt für das Handeln im Kleinen wie im Großen sowohl für Individuen wie auch für Gruppen einen „Ausnahmezustand“[20] dar. Die permanente Anwesenheit der Gefahr, [21] die enormen körperlichen Anstrengungen und Entbehrungen,[22] die die Gefahr stetig steigernde Ungewissheit[23] sowie die Friktionen, die als permanente Beimischung des Zufalls in Erscheinung treten,[24] bilden die Bestandteile, „aus denen die Atmosphäre zusammengesetzt ist, in welcher sich der Krieg bewegt.“[25] „Das Handeln im Kriege ist [daher] eine Bewegung im erschwerenden Mittel. Sowenig man imstande ist, im Wasser die natürlichste und einfachste Bewegung, das bloße Gehen, mit Leichtigkeit und Präzision zu tun, sowenig kann man im Kriege mit gewöhnlichen Kräften auch nur die Linie des Mittelmäßigen halten.“[26] Die Folge daraus ist, dass im Kriege mehr als auf sonst einem Lebensgebiet die moralischen Kräfte, welche das Handeln begründen und erzeugen, herausgefordert sind und das Handeln gegen einen immensen Widerstand aufrechterhalten und gestalten müssen. Es kommt hier also der individuelle Handlungswille bzw. konkret der Wille zum Kampf in die Betrachtung. Aber auch an dieser Stelle darf der Interpret nicht dahinein verfallen, nach den idealen moralischen Kräften zu suchen, die es im Rahmen der Erziehung zu einem optimalen Soldaten zu stärken gelte, um einen Krieg möglichst erfolgreich führen zu können. Denn was oben zu den moralischen Größen gesagt wurde, dass muss auch für die moralischen Kräfte gelten und so finden wir keine moralischen Größen, die generell als moralische Kräfte bezeichnet werden können, sondern diese können nur individuell identifiziert und kategorisiert werden. Sicherlich sind Mut und Tapferkeit tendenziell moralische Kräfte, die das Handeln im Kriege verstetigen und umso leichter machen,[27] doch bedarf es dazu immer noch einer bestimmten Ausprägung und diese kann vielfältig gestaltet sein. Im Ergebnis – und dies wurde bereits ausführlich dargestellt – handelt es sich bei den moralischen Kräften um eigentümliche Faktoren, die sich nicht kategorisieren und operationalisieren lassen.[28]  Und vor diesem Hintergrund schreibt auch Clausewitz:

 

„Wir könnten die hauptsächlichsten der moralischen Erscheinungen im Kriege durchgehen und mit der Sorgfalt eines fleißigen Dozenten versuchen, was sich über eine jede Gutes oder Schlechtes beibringen ließe. Aber da man bei dieser Methode nur zu sehr in Gemeinsprüche und Alltäglichkeiten verfällt, während der eigentliche Geist in der Analyse schnell entweicht, so kommt man unvermerkt dazu, Dinge zu erzählen, die jeder Mensch weiß. Wir ziehen es daher vor, hier noch mehr als sonst unvollständig und rhapsodisch zu bleiben, im allgemeinen auf die Wichtigkeit der Sache aufmerksam gemacht und den Geist angedeutet zu haben, in welchem die Ansichten dieses Buches aufgefaßt sind.“[29]

 

Mit dieser Ableitung kommt Clausewitz zu dem zentralen Punkt der moralischen Hauptpotenzen.

 



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 503.

[2]                 Vgl. Creveld, Zukunft, S. 234 ff.

[3]                 Siehe dazu Kapitel II.4; II.5.

[4]                 Siehe Kapitel II.4.3.

[5]                 Vgl. Aron, Clausewitz, S. 177. Er war jedoch, anders als Aron behauptet, nicht der erste. Vgl. Heuser, Clausewitz, S. 99 f.

[6]                 Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 259 ff.

[7]                 Siehe Kapitel V.5.3.

[8]                 Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 259.

[9]                 Kleemeier, Takt, S. 27.

[10]               Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 244 ff.

[11]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 226.

[12]               Clausewitz, Kriege, S. 374.

[13]               Clausewitz, Kriege, S. 507.

[14]               Clausewitz, Kriege, S. 356 f.

[15]               Clausewitz, Kriege, S. 356.

[16]               Kleemeier, Grundfragen, S. 259.

[17]               Kleemeier, Takt, S. 27.

[18]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 356.

[19]               Clausewitz, Kriege, S. 428 f.

[20]               Kleemeier, Takt, S. 30.

[21]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 253 ff.

[22]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 256 f.

[23]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 258 ff.

[24]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 261 ff.

[25]               Clausewitz, Kriege, S. 237.

[26]               Clausewitz, Kriege, S. 263.

[27]               Vgl. Kleemeier, Takt, S. 33 f.

[28]               Siehe Kapitel IV.2.

[29]               Clausewitz, Kriege, S. 358.

 

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Kapitel VI.2 - Übersicht

  • VI.2.1 Begriff der physischen und moralischen Streitkräfte

    1.1. Begriff der physischen und moralischen Streitkräfte Der Begriff der Streitkräfte ist bei Clausewitz deutlich weiter gefasst, als wir ihn heute im allgemeinen Sprachgebrauch verstehen. Streitkräfte werden heute als eine mit dem Staat verbundene Organisationsform antizipiert, die nach völkerrechtlichen Konventionen den Kombattantenstatus inne hat und für den Krieg, d.h. für gewaltsame Auseinandersetzungen mit anderen Staaten und/oder innerstaatlichen Gruppierungen gerüstet, geübt und zuständig ist. Freilich ist dies eine historisch gewachsene, europäische Sichtweise auf den Begriff. Clausewitz fasste den Begriff deutlich weiter, war aber in der Anwendung desselben wie so oft wenig präzise. Vor dem Hintergrund seiner Eigenart, einen Begriff stets so anzuwenden, wie er gerade seine Aussage unterstützte, finden sich auch Passagen, in welchen der Begriff der Streitkräfte so weit gefasst Read More
  • VI.2.2 Moralische Größen und moralische Kräfte

    1.1. Moralische Größen und moralische Kräfte In seinem fünften Buch betrachtet Clausewitz die Streitkräfte und stellt dabei fest: „Der Mut und der Geist des Heeres haben zu allen Zeiten die physischen Kräfte multipliziert und werden es auch ferner tun;“[1] Er bezieht sich hier auf moralische Größen, welche die Streitkräfte in ihrem Kampfwert verstärken und ohne die die Streitkräfte gar nicht als solche gedacht werden können. Es ist die Bereitschaft, andere zu töten und sich selbst der Gefahr auszusetzen, getötet zu werden; kurz: es ist der Wille zum Kampf. Dabei ist es sicherlich eine der faszinierendsten und gleichwohl wundersamsten Erscheinungen des Krieges, dass sich Menschen finden, die sich an ihm aktiv beteiligen. An dieser Stelle muss eingeschoben werden, dass der Wille Read More
  • VI.2.3 Moralische Hauptpotenzen und Dreifaltigkeit des Krieges

    1.1. Moralische Hauptpotenzen und Dreifaltigkeit des Krieges In der Konsequenz des bisher dargestellten Dilemmas der Unfassbarkeit und Komplexität der geistigen Gegenstände formuliert Clausewitz drei moralische Hauptpotenzen, die – „unvollständig und rhapsodisch“[1] – die moralischen Streitkräfte auf drei Faktoren bzw. Quellen zurückführen. „Sie sind: die Talente des Feldherrn, kriegerische Tugend des Heeres, Volksgeist desselben.“[2] Die Größe der moralischen Kräfte einer Streitmacht soll also – so die Clausewitz’sche These – im Wesentlichen durch diese drei Hauptpotenzen bestimmt sein, wobei Clausewitz selbst nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und Vollkommenheit erhebt, sondern seine Betrachtung von vorneherein als bruchstückhaft und zusammenhangslos darstellt, da moralische Größen „sich weder in Zahlen noch in Klassen bringen lassen“[3]. Dabei muss merkwürdig auffallen, dass Clausewitz hier keine derjenigen moralischen Kräfte anspricht, die sich direkt Read More
  • VI.2.4 Gesamtbetrachtung: Kämpfer, Krieger und Söldner

    1.1. Gesamtbetrachtung: Kämpfer, Krieger und Söldner Es wurden vorhergehend drei verschiedenartige und trennscharfe moralische Hauptpotenzen beschrieben, welche die moralischen Streitkräfte als mehr oder weniger verlässliche Konstante potenzieren. Dabei handelt es sich um kollektive Motivationsquellen, die zwar in jedem Einzelnen individuell ausgeprägt sind, d.h. mehr oder weniger viel Wirksamkeit zeigen, in der kollektiven Durchschnittswirkung jedoch differenzierbar sind, weil sie sich auf eine moralische Größe beziehen, welche die eine von der anderen Streitkraft unterscheidet. Während an und für sich individuelle moralische Potenzen zufallsverteilt sind, sind die hier benannten moralischen Hauptpotenzen zwar individuell wirksam, beziehen sich aber auf kollektive Größen, namentlich den Ruf des gemeinsamen Feldherrn, die gemeinsame Waffenehre oder eine gemeinsame („Volks“-) Identität. Wenngleich alle drei Hauptpotenzen gleichzeitig in einer Streitkraft bzw. Read More
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