1. Ziel und Zweck in der Taktik

 

Das Gefecht ist das Aufeinandertreffen von gegnerischen Streitkräften und die Taktik befasst sich mit diesem Gegenstand. Clausewitz beschreibt den Charakter der Taktik dezidiert im Zeichen seines konkreten historischen Hintergrunds wie folgt:

 

„Was tut man jetzt gewöhnlich in einer großen Schlacht? Man stellt sich in großen Massen neben- und hintereinander geordnet ruhig hin, entwickelt verhältnismäßig nur einen geringen Teil des Ganzen und läßt sich diesen ausringen in einem stundenlangen Feuergefecht, welches durch einzelne kleine Stöße von Sturmschritt, Bajonette und Kavallerieanfall hin und wieder unterbrochen und etwas hin und her geschoben wird. Hat dieser eine Teil sein kriegerisches Feuer auf diese Weise nach und nach ausgeströmt, und es bleiben nichts als die Schlacken übrig, so wird er zurückgezogen und von einem anderen ersetzt.

 

Auf diese Weise brennt die Schlacht mit gemäßigtem Element wie nasses Pulver langsam ab, und wenn der Schleier der Nacht Ruhe gebietet, weil niemand mehr sehen kann, und sich niemand dem blinden Zufall preisgeben will, so wird geschätzt, was dem einen und dem anderen übrig bleiben mag an Massen, die noch brauchbar genannt werden können, d. h. die noch nicht ganz wie ausgebrannte Vulkane in sich zusammengefallen sind; es wird geschätzt, was man an Raum gewonnen oder verloren hat, und wie es mit der Sicherheit des Rückens steht; es ziehen sich diese Resultate mit den einzelnen Eindrücken von Mut und Feigheit, Klugheit und Dummheit, die man bei sich und seinem Gegner wahrgenommen zu haben glaubt, in einen einzigen Haupteindruck zusammen, aus welchem dann der Entschluß entspringt: das Schlachtfeld zu räumen oder das Gefecht am anderen Morgen zu erneuern.“[1]

 

Diese Schilderung kann durchaus befremden auslösen. Zwei verfeindete Streitkräfte treffen „angefacht durch große Volksinteressen“[2] in einer bedeutenden Schlacht zusammen und dies führt nun nicht zu einem großen Chaos mit wildem und ungezügeltem beiderseitigen Ansturm und Blutvergießen, sondern wird durch eine ruhige Aufstellung und ein langsames Abmessen der Kräfte gelöst, welches lediglich von kleinen Stößen und Anfällen in seinem ruhigen und gleichmäßigen Gang gestört wird. Nichts lesen wir hier von dem „Lärm des eigenen Geschützes“[3], von den „zischenden Kugeln, die ihre Nähe bald durch den kurzen scharfen Laut verkünden, womit sie zollweit an Ohr, Kopf und Seele vorüberfliegen“[4] oder von dem „Anblick der Verstümmelten und Hinstürzenden“[5]. Würden wir nur den oben zitierten Absatz aus dem Clausewitz‘schen Werk kennen – wir müssten den General für einen kriegsverherrlichenden Bellizisten[6] halten, der einen verklärten Blick auf die Dinge propagiert. Aber dieser Vorwurf ist nicht treffend, denn Clausewitz hat auch die Schrecken und die Brutalität des Krieges an anderen Stellen deutlich hervorgehoben, so dass wir allerdings der Frage nachgehen müssen, warum er hier zu dieser beschönigenden, den einzelnen Menschen und das damit verbundene Leid gar nicht wahrnehmenden Beschreibung greift.

 

Ein erster Erklärungsversuch, dass es eben der jüngere „Ideal-Kriegs-Clausewitz“[7] sei, der hier ungefiltert zu Wort käme, ist nicht haltbar, denn die Schrecken des Krieges sind sowohl dem jüngeren wie auch dem älteren Teil des Werkes inhärent. Clausewitz hatte während der Bearbeitungszeit keine neueren Kriegserfahrungen gesammelt und allein aus diesen persönlichen Erinnerungen hatte er zu jeder Zeit eine sehr genaue Kenntnis über die Gefahren und individuellen Emotionen im Krieg. Zudem wäre es natürlicher, wenn mit dem Verblassen dieser Erinnerung eine Verherrlichung einsetzen würde und nicht andersherum.[8]

 

Verständlicher wird das oben abgebildete Zitat, wenn es nicht als tatsächliche, deskriptive Darstellung der Schlacht selbst, sondern als Beschreibung des Wesens und des Charakters der Taktik verstanden wird. Die Taktik als „Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“[9] ist nämlich im Wesentlichen ein Ordnungsfaktor, welcher die individuellen Kräfte aus ihren zufälligen und willkürlichen Bewegungen in ein kollektives Bewegungsmuster hineinzwingt und so die aus vielen Individuen bestehende Streitkraft zu einem einheitlichen Ganzen formiert. Sie ist dabei streng ziel- bzw. zweckorientiert und interessiert sich für die Grauen des Krieges nur insofern, als dass sie einen eigentümlichen Einfluss auf das Werkzeug, namentlich die Streitkräfte, haben. In seinem vierten Buch über das Gefecht schreibt Clausewitz, dass dieses durch zwei Zwecke bestimmt sei.  Zum einen durch den besonderen Zweck, der dieses individualisiert, von anderen unterscheidet und mit dem Ganzen verbindet. Daneben setzt er zum anderen einen allgemeinen Zweck, nämlich die Vernichtung des Gegners, als das alle Gefechte bestimmende Hauptmotiv. Er schreibt:

 

„Jedes Gefecht, groß oder klein, hat seinen besonderen, dem Ganzen untergeordneten Zweck. Ist dieses der Fall, so ist die Vernichtung und Überwindung des Gegners nur als das Mittel für diesen Zweck zu betrachten. So ist es allerdings.

 

Allein dieses Resultat ist nur in seiner Form wahr und nur um des Zusammenhanges willen wichtig, welchen die Vorstellungen unter sich haben, und es ist gerade, um uns von demselben wieder loszumachen, daß wir es aufgesucht haben.

 

Was ist die Überwindung des Gegners? Immer nur die Vernichtung seiner Streitkraft, sei es durch Tod oder Wunden oder auf was für eine andere Art, sei es ganz und gar oder nur in einem solchen Maße, daß er den Kampf nicht mehr fortsetzen will. Wir können also, so lange wir von allen besonderen Zwecken der Gefechte absehen, die Vernichtung des Gegners ganz oder teilweise als den einzigen Zweck aller Gefechte betrachten.

 

Nun behaupten wir, daß in der Mehrheit der Fälle, und besonders bei den großen Gefechten, der besondere Zweck, wodurch das Gefecht individualisiert und mit dem großen Ganzen verbunden wird, nur eine schwache Modifikation jenes allgemeinen Zweckes oder ein mit demselben verbundener Nebenzweck ist, wichtig genug, um das Gefecht zu individualisieren, aber immer nur unbedeutend im Vergleich mit jenem allgemeinen Zweck; dergestalt, daß, wenn jener Nebenzweck allein erreicht werden sollte, nur ein unwichtiger Teil seiner Bestimmung erfüllt ist. Wenn diese Behauptung richtig ist, so wird man einsehen, daß jene Vorstellungsart, wonach die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte nur das Mittel, und der Zweck immer irgendein anderer ist, nur in ihrer Form wahr sei, daß sie aber zu falschen Folgerungen führen würde, wenn man sich nicht erinnerte, daß eben diese Vernichtung der feindlichen Streitkraft sich in jenem Zweck auch wieder findet, und daß dieser nur eine schwache Modifikation derselben sei.

 

Dieses Vergessen hat vor der letzten Kriegsepoche in ganz falsche Ansichten hineingeführt und Tendenzen sowie Fragmente von Systemen erzeugt, womit die Theorie sich über den Handwerksgebrauch um so mehr zu erheben glaubte, je weniger sie meinte, des eigentlichen Instrumentes, nämlich der Vernichtung der feindlichen Streitkräfte, zu bedürfen.“[10]

 

Zunächst muss in der Betrachtung dieses recht langen Zitats der systematisierende von dem normativ postulierenden Teil getrennt werden. Systematisch beschreibt Clausewitz zwei taktische Zwecke: a) den besonderen, das Gefecht individualisierende und mit dem Ganzen verbindenden Zweck und b) den allgemeinen, allen Gefechten inhärenten Zweck. Bei dem erstgenannten handelt es sich offensichtlich um den durch die Strategie bestimmten Zweck, d.h. um die Wirksamkeit, die sich die Strategie durch das Gefecht erhofft. Ich habe diese im Kapitel V dieser Arbeit bereits herausgearbeitet. Diese verschiedenen strategischen Ziele lassen sich in vier Kategorien einteilen:

 

  • Vernichtung feindlicher Streitkräfte;

  • Inbesitznahme von Land;

  • Herbeiführung eines allgemeinen Schadens;

  • Vernichtung der feindlichen Absicht.[11]

 

Ferner stellt Clausewitz heraus, dass dies nur der formale Zweck sei, der gewissermaßen dazu diene, die Zusammenhänge zwischen Taktik und Strategie aufzuzeigen, dass es jedoch der eigentlich wahre Zweck sei, die gegnerischen Streitkräfte zu vernichten, da eine nachhaltige Erfüllung dieser oben genannten Zwecke ohne diesen allgemeinen Zweck nicht realisierbar sei und darum die Vernichtung als der Hauptzweck, der strategisch bestimmte Zweck nur als eine Modifikation desselben oder als ein Nebenzweck zu betrachten sei. Hierbei handelt es sich um eine begriffliche Unschärfe oder gar eine Verirrung, denn der Gehalt der Aussage ist viel näher getroffen indem gesagt wird, dass die ganze oder teilweise Vernichtung der feindlichen Streitkräfte das Ziel ist, welches als Voraussetzung für die Realisierung des Zwecks zu betrachten ist. Ist der Zweck eines Gefechts also die Inbesitznahme eines Hügels, so kann dies nicht unmittelbar realisiert werden, da dieser Absicht feindliche Streitkräfte entgegenstehen, sondern die feindlichen Streitkräfte müssen zunächst vernichtet werden, d.h. der sich an dieser Stelle manifestierende Wille zum Widerstand muss gebrochen werden, um den Hügel nachhaltig in Besitz nehmen zu können. Die heimliche Inbesitznahme des Hügels führt hingegen zu keinem Erfolg, wenn die eigentlich zur Verteidigung bestimmten Streitkräfte ihn im Gegenzug sofort zurück erobern,[12] es muss also zunächst die gegenseitige Bedrohung aufgehoben, der Feind geschlagen werden, damit in der Folge der Zweck der Inbesitznahme realisiert werden kann.

 

Jenseits der begrifflichen Verirrung bestätigt der systematisierende Teil dieses Zitats somit das bisher festgestellte System der Kriegstheorie. Demnach sind auf taktischer Ebene die Streitkräfte das Mittel, welche mit dem Ziel feindliche Streitkräfte zu vernichten eingesetzt werden, um den Zweck, namentlich das strategische Ziel des Gefechtes, zu verwirklichen.

 

Nicht minder bedeutsam ist der normative Teil dieses Zitats, mit welchem – darauf lässt sich auch die soeben aufgezeigte begriffliche Verirrung zurückführen – Clausewitz die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte nicht nur auf hierarchisch gleiche Stufe zu dem an sich übergeordneten Zweck stellt, sondern gar die Realisierung dieses Ziels als die Hauptabsicht der Taktik betrachtet. Dies ist der früheren Sichtweise des Generals geschuldet und ein sehr plastischer Eindruck des sogenannten „Ideal-Kriegs-Clausewitz“[13], der stets die größten Anstrengungen forderte. Die neuere, in weiten Teilen vieles relativierende Sichtweise des „realistischen Clausewitz“[14] scheint jedoch eine andere Sichtweise nahezulegen, die ich im Folgenden entwickeln will.

 

Zunächst ist festzustellen, dass es zwischen Strategie und Taktik eine enge Verwandtschaft gibt. Das Gefecht ist gewissermaßen ein kleines Abbild des Krieges mit ähnlichen Mechanismen und die Taktik ist für das Gefecht das, was die Strategie für den Krieg ist. So nutzt die Strategie die Gefechte, um den Gegner zur Aufgabe des politischen Willens zu zwingen, um also ferner den eigenen politischen Willen zu realisieren. Nicht anders ist es in der Taktik, denn hier werden die Streitkräfte genutzt, um den Gegner zur Aufgabe des strategischen Ziels zu zwingen und ferner das eigene strategische Ziel zu verwirklichen. In beiden Fällen muss notwendigerweise der Nutzen des Zwecks mit der Größe des Ziels, d.h. mit den dazu notwendigen Anstrengungen, in Einklang stehen. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Taktik und Strategie, denn im Rahmen des Feldzuges finden sich vielfache Möglichkeiten kleine und große Ziele zu verfolgen, die Kräfte zu teilen und zusammenzufassen, den Gegner an starken oder an schwachen Punkten anzugreifen oder die offene Auseinandersetzung überhaupt zu meiden, Räume für Gefechte zu bestimmen, kurz: die strategische Zielsetzung kann vielfältige Ausprägungen annehmen. So ist es in der Taktik mitnichten, denn durch die Strategie ist beinahe alles extern vorgegeben und durch den Umstand des Aufeinandertreffens zweier Streitkräfte sind beide Teile zum Verfolgen der gegnerischen Vernichtung gezwungen, wenn sie nicht selbst vernichtet werden oder den taktischen Zweck (das strategische Ziel) unverzüglich aufgeben wollen.[15] Der taktische Befehlshaber hat also einen sehr geringen Handlungsspielraum und dieser beschränkt sich darauf, die vorhandenen Kräfte in Raum und Zeit aufzustellen sowie einzelne Bewegungen, d.h. Angriffsachsen, derselben zu bestimmen. Er erstellt also einen taktischen Plan, im heutigen Sprachgebrauch den Operationsplan. Ich will mich jedoch an die Clausewitz’schen Begrifflichkeiten halten und nenne dies daher den „Schlachtplan“[16].

 

Der junge Clausewitz fordert nun also, dass das Ziel des Schlachtplans zwar stets die Vernichtung sei, dass dies aber „ganz oder teilweise“[17] geschehen könne, das nämlich die gegnerische Aufgabe des Gefechtes an die Stelle der vollständigen Vernichtung treten könne. Indem er dies aber von dem strategischen Ziel zu lösen versucht, indem er also die Vernichtung zum Hauptzweck im Gefecht erhebt, impliziert er, dass stets die vollständige Vernichtung anzustreben sei und dass diese solange verfolgt werden müsse, bis der Feind seine Absicht zum Widerstand aufgibt. Hierbei finden sich jedoch zwei Brüche: Zum einen ein logischer, denn es stellt sich die Frage, in Bezug auf was der Feind seinen Widerstand aufgeben soll, damit die Taktik ihre Bestimmung erfüllt hat. Es ist doch etwas anderes, ob die Strategie das Gefecht zur vollständigen Vernichtung des Feindes bestimmt hat oder lediglich zur Besetzung des Geländes. Letzteres wird der Gegner dem Angreifer früher gewähren als ersteres, sein Widerstand gegen die eigene Vernichtung wird also größer sein. Nun könnte gesagt werden, die Bereitschaft zur Aufgabe des Geländes tut der Gegner kund, indem er das Schlachtfeld verlässt, die Anerkenntnis seiner eigenen Vernichtung legt er ab, wenn er seine Waffen niederlegt und sich ergibt. Trotzdem muss die Taktik wissen, ob sie im ersten Falle das Gefecht fortsetzt oder ob sie es zu diesem Zeitpunkt bereits die Kampfhandlungen einstellt, weil sie ihren eigentlichen Zweck erreicht hat. Es kann also schon aus logischen Gründen das strategische Ziel des Gefechts, also der eigentliche Zweck des Streitkräftegebrauchs, nicht aus der Betrachtung der Taktik herausgelöst werden. Zum zweiten aber gibt es auch sehr praktische Gründe, welche die Relevanz der Strategie hervorheben. Wir haben in Betrachtung der strategischen Ebene bereits den Unterschied zwischen dem konzentrischen und dem exzentrischen Vorgehen kennengelernt.[18] Dies ist auch auf der taktischen Ebene von großer Bedeutung. So muss der taktische Befehlshaber sich bei der Erstellung seines Schlachtplans zunächst darauf festlegen, ob er von einem Zentrum aus mehr oder minder zentral gegen den Feind wirken möchte oder ob er ihn lieber von mehreren Seiten umfasst. Um dies zu vereinfachen und auf den hier notwendigen Punkt zu reduzieren: Das erste macht ihn in seinem Schwerpunkt sehr stark, bietet dem Feind aber die Möglichkeit der Rückzugs, das zweite schwächt seine Kräfte, vergrößert aber die moralische Wirkung beim Feind und ist geeignet, ihm einen Rückzug zu verwehren. Um den Gegner vollständig zu vernichten ist also das konzentrische Vorgehen die erste Wahl, sofern die eigenen Kräfte groß genug sind. Wenn nun aber die Strategie ein Gefecht allein zu dem Zweck bestimmt hat, einen Landstrich zu erobern, so muss folgerichtig gesagt werden, dass der Befehlshaber unabhängig von der Größe seiner Kräfte dem Gegner immer den Rückzug anbieten muss, wenn er nicht mehr Anstrengungen unternehmen will, als es der Zweck unbedingt erfordert. Er muss also exzentrisch vorgehen, da das konzentrische Vorgehen nicht nur das eigene Risiko einer Niederlage erhöht, sondern den Gegner zudem den Rückzug verwehrt und darum zum äußersten Widerstand zwingt. Dies gilt mit zwei Ausnahmen: a) der Gegner wird so eingeschätzt, dass er bis zur vollständigen Vernichtung an dem Landstrich festhält und b) es soll eine Umschließung nur angedeutet werden, der Gegner damit also nur bedroht und zu einem umso schnelleren Rückzug gezwungen werden. Letzteres ist allerdings eher in den Bereich der Strategie zu verlegen, da es sich um die Bedrohung mit einem Gefecht, nicht aber um die Führung desselben handelt.

 

Dies alles führt also deutlich zu dem Ergebnis, dass das strategische Ziel des Gefechts, also der taktische Zweck, in keiner Weise als Nebenzweck anzusehen ist oder etwa dem Ziel der gegnerischen Vernichtung untergeordnet werden könnte, sondern dass dieser Zweck ganz maßgeblich die Intensität bestimmt, mit welchem das Ziel verfolgt wird. Die Vernichtung feindlicher Streitkräfte kennt also nicht nur in ihrem Ergebnis, sondern bereits als Zielsetzung in der Planungsphase Grade und dieser Grad wird durch den taktischen Zweck bestimmt. Ebenso wie auf strategischer Ebene gilt hier ein dialektisches Prinzip, nach welchem die Größe des angestrebten Ziels auch den Umfang des gegnerischen Widerstandes bestimmt und in diesem Sinne die Wahrscheinlichkeit auf einen Sieg verringert, gleichwohl aber im Falle eines Sieges die Wahrscheinlichkeit der Realisierung des Zwecks erhöht.

 

Die „Schleifwege“[19] oder die „verschiedenen kürzeren Wege zum Ziel“[20] die der Feldherr im Rahmen seiner Strategie gehen will, sollten sich also im Rahmen der Taktik widerspiegeln. Dass Clausewitz dies in den entsprechenden Textpassagen nicht anmerkte ist darauf zurückzuführen, dass es sich um ältere Buchteile handelt, in denen Clausewitz noch stets die stärkste Operation forderte, um den Zweck am sichersten zu erreichen. Diese ältere weicht nun der realistischeren Betrachtung, welche die große Mehrzahl der zumeist schwachen Operationen nicht auf „falsche Ansichten, Mangel an Energie usw.“[21] zurückführte, sondern als berechtigte, einfachere Wege zum Ziel anerkannte. Davon unbenommen dürfte die Theorie jedoch nicht vergessen, dass „die blutige Entladung der Krise, das Bestreben zur Vernichtung der feindlichen Streitkraft, als den erstgeborenen Sohn des Krieges geltend zu machen“[22] sei, dass also eine gewisse Zurückhaltung der Gewalt im Gefecht und somit eine gewisse strategisch bedingte Schonung des Gegners, immer mit dem Risiko einherginge, dass das Pendel umschlägt, der Gegner plötzlich „zum scharfen Schwerte greift“[23], dem der behutsame Feldherr dann nur mit einem „Galanteriedegen“[24] begegnen könne.

 

Damit ist der Zusammenhang zwischen Zweck und Ziel auf der taktischen Ebene weitestgehend erschlossen. Im weiteren bleibt zu untersuchen, wie die Taktik generell den Grad der Vernichtung feindlicher Streitkräfte bestimmen kann, d.h. was ein Gefecht von hoher Gewaltintensität von einem Gefecht niedriger Gewaltintensität, was das scharfe Schwert vom Galanteriedegen unterscheidet. Dazu ist eine Betrachtung der Grundprinzipe des Gefechts auf taktischer Ebene notwendig.

 



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 420 f.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 421.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 254.

[4]                 Clausewitz, Kriege, S. 254.

[5]                 Clausewitz, Kriege, S. 254.

[6]                 Vgl. Llanque, Ideengeschichte, S. 325.

[7]                 Heuser, Clausewitz, S. 129.

[8]                 Vgl. Rohkrämer, Militarismus.

[9]                 Clausewitz, Kriege, S. 271.

[10]               Clausewitz, Kriege, S. 423 f.

[11]               Siehe Kapitel V.2; V.6.

[12]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 442.

[13]               Heuser, Clausewitz, S. 129.

[14]               Heuser, Clausewitz, S. 42.

[15]               Vgl. Herberg-Rothe, Rätsel, S. 59 f.

[16]               Clausewitz, Kriege, S. 457.

[17]               Clausewitz, Kriege, S. 423.

[18]               Siehe Kapitel V.3.1.

[19]               Clausewitz, Kriege, S. 230.

[20]               Clausewitz, Kriege, S. 222.

[21]               Clausewitz, Gedanken, S. 497 ff.

[22]               Clausewitz, Kriege, S. 229.

[23]               Clausewitz, Kriege, S. 230.

[24]               Clausewitz, Kriege, S. 230.

 

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