1. Grundprinzipe des Gefechts; Angriff und Verteidigung

 

Eine allzu detaillierte Betrachtung des Gefechts will ich in dieser Arbeit nicht anstellen, da dies sehr eng mit den technischen und sozialen Entwicklungen der jeweilige Epoche zusammenhängt und darum eine abstrakte Verallgemeinerung taktischer Problemstellungen nahezu unmöglich erscheint.[1] Trotzdem möchte ich nach einigen grundlegenden Elementen suchen, aus denen jedes Gefecht zusammengesetzt ist und die das Gesamtkonstrukt des Krieges noch zusätzlich abrunden. Im Rahmen seiner Betrachtung über die Streitkräfte räsoniert Clausewitz über den Wert der unterschiedlichen Waffengattungen Infanterie (Fußvolk), Kavallerie (Reiterei) und Artillerie und deren Verhältnis zueinander. In diesem Zusammenhang gibt er einen bemerkenswerten Einblick in die Elementarteile des Gefechts:

 

„Das Gefecht besteht aus zwei wesentlich zu unterscheidenden Bestandteilen: dem Vernichtungsprinzip des Feuers und dem Handgemenge oder persönlichen Gefecht. Das letztere ist wieder entweder Angriff oder Verteidigung (Angriff und Verteidigung sind hier, wo von Elementen die Rede ist, ganz absolut zu verstehen). Die Artillerie wirkt offenbar nur durch das Vernichtungsprinzip des Feuers, die Reiterei nur durch das persönliche Gefecht, das Fußvolk durch beides.

 

Bei dem persönlichen Gefecht ist das Wesen der Verteidigung, fest zu stehen wie eingewurzelt im Boden; das Wesen des Angriffs ist die Bewegung. [...]

 

Das Vernichtungsprinzip des Feuers ist in unseren jetzigen Kriegen offenbar das überwiegend wirksame, dem ungeachtet aber ist ebenso offenbar der persönliche Kampf Mann gegen Mann als die eigentliche selbständige Basis des Gefechts anzusehen.“[2]

 

Zunächst finden sich also drei „kriegerische Elementarkräfte“[3] im Gefecht: Bewegung (Angriff), fester Stand (Verteidigung) und Vernichtung durch Feuer. In der heutigen Zeit kann eine konkrete Vorstellung des Gefechts nicht vorausgesetzt werden – nicht nur in Bezug auf die Schrecken, die damit verbunden sind, sondern ebenso wenig in Bezug auf den Ablauf und die Art und Weise, wie dies vonstattengeht. Die drei Elementarkräfte bedürfen daher einer näheren Betrachtung, um ihren eigentlichen Hintergrund nachzuvollziehen.

 

Stellen wir uns zunächst das Gefecht in seiner ursprünglichen Form vor, in welcher sich zwei etwa gleich starke, mit einfachen Hieb- und Stichmitteln bewaffnete Menschenmengen gegenüberstehen. Wir kennen dieses Bild massenhaft aus Kinofilmen: Plötzlich, auf das Zeichen des Anführers, stürmt der eine Haufen los, der andere ebenso und man trifft sich in der Mitte eines Feldes zum „Handgemenge oder persönlichen Gefecht“[4]. Das eigentliche Handgemenge ist nun ein sehr willkürlicher und zufälliger Akt und es muss gesagt werden, dass die Taktik hier eigentlich keinen bedeutsamen Beitrag leisten kann, sondern dass das Handgemenge im Wesentlichen natürlich, ohne eine besondere Aufstellung oder Führung stattfindet. Es ist bei diesem ursprünglichen Gefecht nur eine einzige taktische Bestimmung zu erkennen und dies ist der Ansturm auf den Gegner in einer geraden Bewegungslinie. Im Handgemenge selbst sind die ursprünglichen Formationen und Bewegungen aufgehoben, es lässt sich auch nicht zwischen einem Angreifer und einem Verteidiger unterscheiden.

 

Warum stellen wir uns die verfeindeten Parteien aber als aufeinander anstürmend vor? Ebenso gut könnten sie langsam aufeinander zu gehen oder die eine Partei könnte gar die andere erwarten. Eine erste Begründung könnte psychologischer Art sein, dass z.B. das Adrenalin die Kämpfer aufputscht und der Ansturm also ein Ausdruck höchster Erregung ist. Dies mag auch so sein, doch ist es keine Erklärung für die Taktik, denn diese fragt nach dem zweckmäßigeren bzw. zielführenderen Verhalten. Stellen wir uns also vor, dass die eine Partei A ihren Ansturm fortsetzt, während die andere Streitkraft B mit gemächlicherem Schritt auf den Feind zumarschiert. Es könnte zunächst gesagt werden, dass B im Augenblick des Handgemenges einen nennenswerten Vorteil hat, da sie viel ausgeruhter ist und sich nicht schon in einem vorangegangenen Sprint verausgabt hat. Dies ist zwar einerseits wahr, doch ist dieser Vorteil nichts gegenüber dem Vorteil von A, den diese aus der Bewegungsenergie ziehen kann, die sie in das Zusammentreffen einbringt. Wenn zwei gleichstarke Massen mit gleicher Geschwindigkeit aufeinandertreffen, so heben sich die Stöße gegenseitig auf und richten auf beiden Seiten gleichen Schaden an – ist aber der eine Körper schneller als der andere, so überträgt sich die Energie des einen auf den anderen und wird zu einem Stoß. Übertragen auf unser Beispiel folgt daraus also, dass die ersten Reihen der Streitkraft B allein durch die Bewegung, d.h. die Stoßkraft, von A niedergerissen und niedergewalzt werden, dass also die Voraussetzungen für das anschließende Handgemenge für A allein aufgrund eines Zahlenvorteils besser sind und dass unmittelbar nach diesem ersten Auftreffen die innere Ordnung des B bereits gestört ist, wohingegen der A noch recht geordnet steht. Von dem moralischen Eindruck einer mit großer Wucht eintreffenden Menschenmenge ist dabei noch gar nicht geredet. Hieraus folgt, dass Bewegung nicht nur ein Mittel ist, um von einem zum anderen Punkt zu kommen, um also den Wirkradius von Streitkräften zu verschieben, sondern dass die aus Bewegung resultierende Stoßkraft eine eigenständige Elementarkraft im Gefecht ist, welche dreifache Wirkung zeigt: a) durch die physische Bewegungsenergie eines auftreffenden Körpers, b) durch die Zerstörung der gegnerischen Ordnung und des Zusammenhalts  durch das Einbrechen und c) durch die enorme moralische Wirkung einer hereinbrechenden Katastrophe.

 

Damit ist die Bewegung bzw. Stoßkraft als eigenständiges Vernichtungsprinzip beim Auftreffen auf den Feind weitestgehend deutlich und verständlich geworden. Würde daraus folgen, dass der Gegner möglichst immer heftig angestürmt werden müsste, so wäre die Taktik nicht nur ein leichtes, sondern als Begriff auch überflüssig. Der bewegliche Körper schadet dem ruhenden aber nur solange mehr, wie der ruhende Körper von ähnlicher Konsistenz ist; handelt es sich bei diesem Körper jedoch um einen „wie eingewurzelt im Boden“[5] feststehenden Körper bzw. um einen Gegenstand von festerer Konsistenz und größerer Masse, so richtet sich die Bewegungsenergie verhältnismäßig nicht gegen den festen, sondern gegen den beweglichen Körper selbst. Geben wir in unserem Gedankenmodell also der langsamen Streitkraft B einige Mittel an die Hand, welche ihr einen festen Stand verleihen, z.B. Schilde und eine besondere, inneren Halt gebende, taktische Aufstellung, so wird sie zwar langsamer als die Streitkraft A und wäre, würde sie ebenso versuchen anzustürmen wie A, im Nachteil. Dieser Streitkraft würde die Taktik allerdings ein anderes Verfahren anempfehlen, nämlich den Ansturm des A abzuwarten. Durch den festen Stand, d.h. durch das vollständige oder zumindest teilweise Verwehren des Eindringens und Vorstoßens, würde A nun nichtmehr tief in die feindlichen Linien eindringen, sondern vor ihnen zum Stehen kommen und bildlich gesprochen an ihnen abprallen. Durch das Nachstoßen der Hinteren würde sich für die Vorderen des A aufgrund der Verdichtung sogar eine besonders nachteilige Lage ergeben. Hält B also dem Bewegungsdruck des A stand, so richtet sich die aus der Stoßkraft resultierende Energie nicht gegen ihn, sondern gegen B selbst, dessen ersten Reihen nunmehr erdrückt werden und dessen Ordnung und Zusammenhalt verloren geht. Für das anschließende Handgemenge sind die Voraussetzungen also nun umgekehrt. Hieraus folgt, dass der feste Stand ein Vernichtungsprinzip im Gefecht ist, welches dreifach Wirkung zeigt: a) durch die Rückübertragung der physischen Bewegungsenergie auf den auftreffenden Körper, b) durch die Zerstörung der Ordnung und des Zusammenhalts, welche durch das Verwehren des Einbruchs entsteht und c) durch die moralische Wirkung des Scheiterns. Dabei setzt die Wirksamkeit des festen Standes freilich die Wirksamkeit einer feindlichen Bewegung voraus.

 

Somit finden sich zwei Grundelemente, welche die Taktik bestimmen kann, d.h. sie kann die Streitkräfte zur Bewegung in den Feind hinein einsetzen oder sie kann sie zum Auffangen des feindlichen Stoßes bestimmen. Beides leitet gewissermaßen das Handgemenge ein bzw. schafft unmittelbar die Voraussetzungen dazu, denn ohne vorangegangene Bewegung kann es auch zu keinem Handgemenge kommen. Der Nahkampf selbst entzieht sich jedoch der taktischen Führung, da der Verlust der inneren Ordnung, das Chaos und die Auflösung in seinem Wesen liegt.[6] Damit ist der Begriff von Angriff und Verteidigung für die taktische Ebene entfaltet. Der Angriff ist demnach der Ansturm auf den Gegner, die Verteidigung das Auffangen dieses Ansturms. Dies ist hierbei anders als bisher nicht als Überbegriff über andere Handlungen zu verstehen, sondern Angriff und Verteidigung befinden sich hier in ihrer absoluten Gestalt,[7] denn der Einzelne kann nur anstürmen oder auffangen, es können auch beide Parteien anstürmen, es kann aber nicht ein Individuum beides gleichzeitig tun. Beides jedoch – Angriff und Verteidigung – setzt sich folglich nicht bis zum Ende des Gefechts fort, sondern endet gleichzeitig mit der abfallenden Stoßkraft bzw. mit dem Aufhören der Bewegung des Angreifers und geht nahtlos zum Handgemenge bzw. persönlichen Gefecht über.

 

Die dritte kriegerische Elementarkraft ist das Vernichtungsprinzip des Feuers. Auf den ersten Blick scheint es sich vor dem konkreten militärtechnischen Hintergrund um eine Kontribution an die Entwicklung des Schießpulvers und der damit verbundenen Einführung der Feuerwaffen zu handeln. Abstrahieren wir jedoch von dieser konkreten Vorstellung, so beinhaltet das Vernichtungsprinzip des Feuers nichts anderes als eine Vernichtungswirksamkeit auf Distanz, d.h. vor dem räumlich unmittelbaren Zusammentreffen der Streitkräfte. Dies ist jedoch keine Erfindung der Neuzeit, sondern im Rahmen von Bogenschützen, Wurfspießen, Steinschleudern, Katapulten etc. gab es diese Waffenwirkung auf Distanz schon immer,[8] nur dass die Erfindung des Pulvers die Wirksamkeit der Distanzwaffen erheblich vergrößerte. Es hat also lediglich die Wichtigkeit[9] und die Vielseitigkeit der Distanzwaffen zugenommen, sie sind aber nicht an sich etwas neues. Konkret wird im Rahmen dieser Elementarkraft also von der Möglichkeit gesprochen, feindliche Kräfte aus einer vergleichsweise sicheren Entfernung heraus und somit ohne die Konfusion und Unüberschaubarkeit eines Handgemenges zu vernichten, bevor das unmittelbare, persönliche Gefecht und somit die „Krise“[10] eintritt. Hierunter können wir neben dem herkömmlichen Steilfeuer – Artillerie, Mörser, Raketen – auch den Einsatz von Minen, Bomben, Sprengfallen, Luftangriffen, Schusswaffen aller Art usw. zählen. Dies alles wirkt also nunmehr in zweifacher Hinsicht: a) durch die physische Vernichtung von Streitkräften mittels Feuerkraft und b) moralisch, durch das zermürbende Gefühl der dauerhaften und allgegenwärtigen Gefahr.

 

Während Angriff und Verteidigung bzw. Stoß und Auffangen des Stoßes also als einleitender Teil des Handgemenges verstanden werden, bildet das Vernichtungsprinzip des Feuers ein eigenständiges Element ab, welches sich von dem Nahkampf dezidiert unterscheidet. Dieser Unterschied drückt sich dadurch aus, dass im Feuergefecht die verfeindeten Streitkräfte räumlich voneinander getrennt sind, wohingegen sie während des Nahkampfes vermischt sind. Wir wollen daraus nicht – dies muss gleich hier gesagt werden, um Missverständnisse zu vermeiden – auf die Anwendung verschiedener Waffen schließen, denn eine Handfeuerwaffe kann widerspruchslos sowohl im Fernkampf als auch im Nahkampf genutzt werden.

 

Nun schreibt Clausewitz, dass das Vernichtungsprinzip des Feuers nur eine unterstützende Komponente sei, wohingegen das Handgemenge, d.h. der Kampf Mann gegen Mann, „als die eigentlich selbstständige Basis des Gefechts anzusehen“[11] ist. Ein knappes Jahrhundert später wurde unter anderem diese Aussage durch Liddell Hart[12] erheblich kritisiert. Dieser verwies darauf, dass die Anwendung der daraus resultierenden Lehre zu erheblichen Verlusten im Ersten Weltkrieg geführt hätte, da die Generalität in Verkennung der vollkommenen Überlegenheit der Feuerkraft unbeirrt das persönliche Gefecht gesucht hätte und somit massenhaft Streitkräfte von MG-Stellungen niedergemetzelt wurden.[13] Inwiefern die Clausewitz’schen Äußerungen nun eine Wirkung auf das Denken und Handeln der Generäle des Ersten Weltkriegs gezeigt hat, soll uns nicht näher befassen. Es gilt aber zu hinterfragen, ob auch im Angesicht des enormen technischen Fortschritts und der Verbesserung der Schusswaffen der Nahkampf weiterhin als die eigentliche Basis des Gefechts anzusehen ist oder ob dieser durch den Fernkampf abgelöst wurde. Dazu müssen wir sie zunächst nochmals auf die Grundlinien des Gefechts kommen.

 

Clausewitz schreibt, dass das Gefecht beginnt, indem der Angreifer vor den Stellungen des Verteidigers, d.h. in seinem Feuer, erscheint.[14] Die Wirkung der Waffen hat also einen bestimmten Radius und sobald der eine sich im Feuerbereich des anderen befindet und dieser andere sich dessen bewusst ist, spricht Clausewitz vom Beginn des Gefechts. Dies ist eine nicht absolut präzise und eineindeutige Definition und sie mag einige Grauzonen aufweisen; ist der Feuerbereich einer Streitkraft besonders groß, so wird der Beginn des Gefechts später, ist er besonders klein, so wird er früher bestimmt sein müssen. „Daß die Feststellung dieser Begriffe keine größere Schärfe hat, ist von gar keinem Nachteil, weil sie nicht wie philosophische Definitionen zu irgendeiner Quelle von Bestimmungen gebraucht werden können. Sie sollen bloß dienen, der Sprache etwas mehr Klarheit und Bestimmtheit zu geben.“[15] Deutlich wird hiermit jedoch, dass das Gefecht beginnt, bevor die Streitkräfte im tatsächlichen Sinne zusammenstoßen. Es ist also zunächst nur ein Zusammenstoß der physischen Wirkungskreise, welcher den Beginn des Gefechts kennzeichnet.

 

Das Gefecht beginnt also mit einer Phase, in welcher der Gegner zwar mit Fernwaffen bekämpft, aber noch nicht in ein Handgemenge verwickelt werden kann. Letzteres beginnt erst mit dem unmittelbaren, räumlichen Zusammentreffen beider Streitkräfte im Nahkampf. Es lässt sich also ein Zeitraum innerhalb des Gefechts identifizieren, in welchem die einzige Wirksamkeit gegenüber dem Gegner im Vernichtungsprinzip des Feuers liegt. Dann gibt es – sofern sich die Parteien aufeinander zu bewegen – eine Phase der Berührung, d.h. des Aufeinanderpralls oder des Einbruchs, und schließlich die Phase des Handgemenges, der beiderseitigen Krise oder des Nahkampfes. Ganz allgemein könnte man also von den Phasen Annäherung, Einbruch und Nahkampf sprechen.

 

 

 

Abbildung 12 – Schematische Darstellung der Phasen des Gefechts

 

Solange man sich nun unter den Fernkampfwaffen die traditionellen, altertümlichen Mittel wie Pfeil und Bogen, Katapulte oder auch die ersten Haubitzen vorstellt, welche allesamt im Nahkampf nicht wirksam sein konnten, ergibt sich ein recht stimmiges Bild. In der ersten Phase wirken allein die Fernkampfwaffen, um die Bedingungen des Aufeinandertreffens zu verbessern, d.h. um den Gegner im Vorfeld zu dezimieren, um ihn moralisch zu beeinträchtigen oder zumindest um ihn in der taktischen Aufstellung und Entfaltung zu stören. Derjenige mit der überlegenen Feuerkraft wird diese Phase möglichst lang, der andere möglichst kurz gestalten wollen. In der zweiten Phase müssen die Fernwaffen ihr Feuer auf die entfernteren Teile des Gegners verlagern, um die eigenen Kräfte nicht zu gefährden, da Fernkampfmittel in diesem Sinne unterschiedslos und auf Freund und Feind gleichermaßen einwirken. In der dritten Phase können die Fernkampfmittel aus diesem Grunde nur noch gegen die Reserven eingesetzt werden.

 

Nun hat der technische Fortschritt sowohl die Quantität als auch die Wirksamkeit der Fernkampfmittel in Bezug auf Feuerkraft, Feuergeschwindigkeit und Präzision immer weiter erhöht. So entstand das Schützengefecht, in welchem sich altertümlich zum Nahkampf bestimmte, einfache Soldaten in „langen, dünnen Linien“[16] gegenüber stellten und mit Fernkampfwaffen aufeinander schossen. Es könnte also die These vertreten werden, dass die Fähigkeit zum festen Stand durch die Fähigkeit ersetzt wurde, den Angreifer in seinem Anmarsch durch Feuerkraft entscheidend zu dezimieren. Entsprechend ist auch in Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1907 festgehalten:

 

Handgemenge (Nahkampf), Kampf Mann gegen Mann mit der blanken Waffe, brachte früher im Gefecht die Entscheidung; jetzt beschränkt sich das H. hauptsächlich auf den Kampf von Reiterei gegen Reiterei und bei der Infanterie auf Ortsgefechte, da infolge der modernen Feuerwirkung die Entscheidung schon zu fallen pflegt, ehe es zum H. kommt.“[17]

 

Es stellt sich also die Frage, ob durch die technischen Entwicklungen die Bedeutsamkeit des Vernichtungsprinzips des Feuers in dem Maße zugenommen hat, dass es das Handgemenge vollständig verdrängt und damit auch die Relevanz von Stoßkraft und festem Stand ad absurdum geführt hat. Eine solche Erkenntnis würde die Unterscheidung zwischen Angriff und Verteidigung innerhalb des Gefechts zu einem bedeutungslosen Anachronismus werden lassen. Es wäre dann nämlich für die insgesamt angreifende Streitmacht nicht erforderlich, die Nähe zum Gegner und somit den Nahkampf zu suchen, sondern es würde vollkommen hinreichen, den Gegner aus der Distanz zu schlagen und somit die Entscheidung herbeizuführen.

 

Führen wir uns zunächst vor Augen, was die technische Weiterentwicklung von Distanzwaffen bewirkt hat. Zur Zeit Clausewitz waren die Ladegeschwindigkeiten der Handfeuerwaffen zu gering, als dass sie hätten sinnvoll im Nahkampf eingesetzt werden können, zu unpräzise, als dass man auf einen Gegner, der sich in unmittelbarer Nähe zu eigenen Kräften befindet,  hätte wirken können und schließlich zu unhandlich, als dass man auf die dem Nahkampf typische 360 Grad Bedrohung hätte reagieren können. Die Weiterentwicklung der Schusswaffen hat eine vielfältige Ausprägung genommen, aber es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass die Schusswaffe einen bestandsfesten Einzug in den Nahkampf erhalten hat und die Benutzung von Hieb- und Stichwaffen weitestgehend verdrängt wurde. Damit hat sich der Wirkungskreis des einzelnen Kämpfers im Handgemenge deutlich erhöht und wir können uns ein Handgemenge daher entzerrter und ausgedehnter sowie viel weniger von der Körperkraft abhängig vorstellen, als dies vor der durchgehende Einführung von Handfeuerwaffen der Fall war. Ungeachtet dessen bleibt es ein Unterschied, ob sich räumlich voneinander getrennte Streitkräfte gegenüberstehen und auf Distanz bekämpfen – dies ist das Vernichtungsprinzip des Feuers – oder ob sich die beiden Streitkräfte in ein und demselben Raum miteinander vermengen bzw. (um den militärisch korrekten Begriff zu verwenden) verzahnen und sich das Ganze in viele kleine persönliche Gefechte aufteilt – dies ist das Prinzip des Nahkampfes.

 

Der Unterschied zwischen diesen beiden Prinzipen bedarf jedoch einer näheren Betrachtung. Ein Kämpfer oder eine Gruppe von Kämpfern kann sich außerhalb des Nahkampfes in zwei unterschiedlichen Zuständen befinden: in der Bewegung oder in der Stellung. Die Bewegung führt entweder in den Feind hinein, ist somit dem Angriff gleichzusetzen und hat den Übergang in den Nahkampf zum Ziel[18] oder sie führt zu einer anderen Stellung und ist somit nur Übergang von der einen zu einer anderen Position.[19] Die Stellung hingegen ist nicht nur durch die Abwesenheit einer Bewegung definiert, sondern es liegt in ihrem Namen, dass sie unter konkreten Gesichtspunkten gewählt wurde, sei es weil sie eine besondere Wirksamkeit gegenüber dem Gegner entfaltet oder weil sie besondere Deckung bzw. Schutz vor dem Gegner bietet. Grundsätzlich betrachtet kann also die in Stellung befindliche Streitkraft das Vernichtungsprinzip des Feuers besser gebrauchen als die sich bewegende, da sie zum einen mehr Ruhe und Energie hat , zum anderen einen höheren Schutzfaktor genießt, entweder durch Sichtschutz und Tarnung oder durch tatsächlichen Schutz, d.h. Deckung oder Panzerung und drittens im Vorteil des Geländes ist, d.h. aus physikalischen Gründen besser wirken kann als der Angreifer. Das Argument, ein bewegliches Ziel sei im Gegenzug schwieriger zu treffen, ist nur begrenzt schlüssig, denn dies gilt nur für Ziele in Querbewegung und nicht in Zufahrt. Es ist daher im Allgemeinen wahr, dass in Bezug auf das Vernichtungsprinzip des Feuers die Stellung gegenüber der Bewegung überlegen ist.

 

Vor diesem Hintergrund können wir uns eine durch die technische Überlegenheit der Feuerkraft herbeigeführte Situation vorstellen, in welcher sich die Streitkräfte in einiger Entfernung gegenüberliegen und sich aus Stellungen bekämpfen, ohne dass eine der beiden Parteien die Sicherheit der eigenen Stellung verlassen kann und will. Würde nämlich der eine versuchen mittels Angriff in die Stellung des anderen einzudringen und also den Nahkampf zu suchen, so würde er in der dazu notwendigen Bewegung dem feindlichen Feuer schutzlos ausgeliefert sein und wohlmöglich gar nicht bis zur feindlichen Stellung gelangen. Dies ist in etwa die Situation, die auch durch Liddell Hart beschrieben wurde.[20] Diese Situation des Stillstandes und Stellungskrieges lässt sich durch drei Dinge überwinden: erstens durch eine schiere Überzahl an Streitkräften, zweitens durch eine Verbesserung des Schutzniveaus der Kämpfer in der Bewegung, sei es durch Panzerung oder durch gedecktere und/oder schnellere Bewegung und drittens durch den Moment der Überraschung und Täuschung. Die erste Lösung spricht zumeist von Verzweiflung und kann nicht vernünftig sein, da die Anzahl der eigenen Verluste im Verhältnis zu den feindlichen betrachtet werden muss und ein taktischer Sieg, welcher den Sieger mehr gekostet hat als den Verlierer, strategisch nur in seltenen Fällen von Wert ist.[21] Zudem setzt es auch eine echte zahlenmäßige Überlegenheit voraus, denn mit dem Erreichen der feindlichen Stellung ist das Gefecht noch nicht entschieden, sondern die Entscheidung muss dann noch im Nahkampf errungen werden. Dem Angreifer reicht also nicht nur eine schiere große Masse, sondern es muss auch im Verhältnis eine überlegene Masse sein. Die zweite Lösung stellt eine technische Innovation dar, wie z.B. Schilde gegen Pfeile und Wurfgeschosse, Panzerfahrzeuge gegen Beschuss usw. Hierbei handelt es sich um nichts anderes als die relative Abschwächung der Überlegenheit des Feuers, es wird also eine technische Möglichkeit entwickelt, dem Feuer einen Widerstand zu bieten. Die dritte Lösung stellt schließlich die Möglichkeit dar dem Fernkampf überhaupt zu entgehen, indem die Phase der Annäherung unbemerkt vom Gegner unternommen wird und der eine in seinen Stellungen durch den anderen überrascht wird, ohne dass er ihn in der Annäherung bekämpfen konnte.

 

Dies alles beantwortet aber nicht, warum die durch den Begriff des Stellungskriegs beschriebene Situation als nachteilig betrachtet werden sollte und sich die Taktik mit der Überlegenheit der Feuerkraft nicht schlicht zufrieden gibt, warum also, wie Clausewitz schreibt, „der persönliche Kampf Mann gegen Mann als die eigentliche selbständige Basis des Gefechts anzusehen“[22] ist und die taktische Führung also immer wieder dorthin strebt und nicht in der vergleichsweise sicheren Stellung verharren möchte.

 

Die Antwort scheint schlicht zu sein, dass sich mit der Vernichtungswirkung des Feuers allein keine Entscheidung herbeiführen lässt, dass die Strategie also das im Stellungskrieg geführte Gefecht nicht vollumfänglich zu ihren Zwecken nutzen kann. Zum Begriff der Entscheidung wurde gesagt, dass dem Zusammenstoß zweier Streitkräfte inhärent sei, dass sich die innere Struktur und Ordnung derselben auflöse und beide Seiten naturgemäß in einen Zustand der Krise versetzt werden. Die Entscheidung sei dann getroffen, wenn die eine Seite ihre innere Ordnung wiederfände, die Krise überwindet und in diesem Sinne führ- und einsetzbar wird, während die andere noch in Panik und Auflösung begriffen sei. Die daraus resultierende Folge ist ein Zeitfenster der Handlungsfreiheit der siegreichen Armee, deren Handeln ursprünglich durch die Existenz und Bedrohung der feindlichen Streitkraft begrenzt war.[23] 

 

Stellen wir uns nun die beiden Streitkräfte in gegenüberliegenden Stellungen vor, wie sie sich gegenseitig unter Beschuss nehmen, so finden wir zwar, dass es auf beiden Seiten Verluste gibt und physische und moralische Streitkräfte vernichtet werden, dass dies also menschlich eine sehr grausame Situation ist, es ergibt sich aber nirgendwo eine merkliche Störung des Gleichgewichts. Die Wirksamkeit der Feuerkraft findet vielmehr auf beiden Seiten ihre Grenzen, weil die Stellungen einen hinreichenden Schutz bieten. Es werden folglich überall vereinzelte Teile vernichtet, aber es tritt – sofern die Streitkräfte halbwegs Kriegserfahren sind und nicht erstmals mit der Gefahr in Berührung kommen – keine Auflösung, keine Unordnung und keine Krise ein. Da die Wirksamkeit der Feuerkraft beidseitig gedacht werden muss, entsteht somit eine gegenseitige Vernichtung, die seh- und fühlbar zu keinem Erfolg führen kann. Und sollte sich doch die Entwicklung zu einem Ungleichgewicht abzeichnen, weil der eine über ein Übergewicht an Feuerkraft verfügt oder sich in der besseren Stellung befindet, so wird der andere nicht brav seine eigene Vernichtung abwarten, sondern sich – sofern ein Angriff nicht in Frage kommt – aus dem gegnerischen Wirkungsbereich zurückziehen, noch bevor die Entscheidung getroffen ist. Es lässt sich soweit zusammenfassen, dass das Verharren in der Stellung nur dann von Vorteil sein kann, wenn der Gegner dies nicht tut, d.h. wenn er entweder im Angesicht des Feuerkampfes abrückt und von ihm auch gar nicht mehr gefordert wurde oder wenn er sich des Angriffs bedient, so dass das Verbleiben in der Stellung die Vorteile der Verteidigung sichert. Es muss somit derjenige, der eine Entscheidung sucht, den Angriff wählen, sofern er nicht darauf hoffen kann, dass sein Gegenüber diesen selbst unternimmt.

 

Es kann somit gesagt werden, dass das Vernichtungsprinzip des Feuers bzw. der Fernkampf dem festen Stand bzw. der taktischen Verteidigung ein zusätzliches Gewicht gibt. Freilich kann auch die Bewegung bzw. der Angriff sich des Fernkampfes bedienen und es sind auch Entwicklungen denkbar, welche die Stellung – verstanden als Verharren an einem Ort – in einen Nachteil versetzen. Dies führt dann aber nicht zu einem Angriffszwang, sondern zu einem beweglichen Stellungssystem und aus diesem Grund kann es nichtsdestotrotz als tendenziell wahr betrachtet werden, dass es für den Angreifer immer schwieriger sein wird, sich der Feuerkraft zu bedienen, als für die Verteidigung. Die technische Entwicklung der Feuerkraft kann in diesem Zusammenhang zu einer Situation führen, die einen Angriff aussichtslos und unmöglich macht. Dies muss jedoch als eine vorübergehende Erscheinung verstanden werden, welche zumindest bisher stets durch andere Innovationen aufgehoben wurde.

 

Durch die enormen technischen und mechanischen Entwicklungen des Vernichtungsprinzips des Feuers hat der Fernkampf zweifelsfrei erheblich an Bedeutung gewonnen und auch das Bild von Angriff und Verteidigung gewandelt. Da der Nahkampf heute entzerrt und die Individuen auf einem größeren Raum verteilt sind, sich teilweise auch auf Fahrzeugen oder in Bunkern befinden, kann von keinem physischen Aufeinanderprall mehr gesprochen werden und es muss daher richtigerweise gesagt werden, dass sich auch keine Stoßkraft im eigentlich physischen Sinne entfalten kann. Dies hat jedoch nicht das Wesen des taktischen Angriffs an sich verändert, sondern lediglich das Bild, welches der Betrachter davon hat. Der Stoß konnte sich historisch nur entwickeln, weil die Verteidiger einen Schild bildeten, mit dem sie die Angreifer an dem hinderten, was sie eigentlich wollten: das Eindringen in die feindlichen Reihen und das Erzeugen einer Krise. Der Angriff hat also das Eindringen in die feindlichen Reihen zum Ziel und die Bewegung bzw. Stoßkraft ist das Mittel dazu. Je tiefer er eindringt, desto mehr bringt er Verwirrung und Konfusion in die feindlichen Streitkräfte.

 

Dies führt erneut zu einer Schärfung des Begriffs der taktischen Verteidigung. Oben wurde gesagt, dass die Verteidigung den feindlichen Stoß auffangen wolle. Die Weiterentwicklung der Feuerkraft könnte nun zu dem Punkt geführt haben, da die Verteidigung den feindlichen Stoß vorzugsweise vor den eigenen Reihen aufzufangen sucht, indem sie den Gegner durch Feuer vernichtet, bevor dieser die eigene Linie erreicht. Wenn dies so wäre, hätte die Verteidigung eine neue Qualität erhalten, wie sich leicht zeigen lässt: Für Clausewitz war die Artillerie ein System, welches allein durch das Vernichtungsprinzip des Feuers wirkt. Zur Verteidigung war sie jedoch nicht fähig, da sie im Nahkampf bzw. im persönlichen Gefecht keinen Bestand haben würde.[24] Der Begriff der Verteidigung war für Clausewitz also ebenso wie der Begriff des Angriffs mit dem Handgemenge, dem persönlichen Gefecht, dem Nahkampf und der Krise verbunden.[25] Würden wir nun annehmen, dass es das moderne Wesen der Verteidigung wäre, schon vor dem eigentlichen Nahkampf die Entscheidung durch Feuerkraft herbeizuführen, so würden wir diesen Zusammenhang auflösen. Treffender scheint es hingegen zu sein, dass sowohl die angreifende wie auch die verteidigende Streitkraft vor dem eigentlichen Zusammenstoß die Entscheidung herbeiführen können, wenn sie in der Feuerkraft überlegen sind. Damit ist jedoch den Begriffen Angriff und Verteidigung selbst nicht Rechnung getragen, sondern nur der gesteigerten Bedeutung der Feuerkraft. Im Wesen der Verteidigung liegt es für Clausewitz vielmehr, dem Anfall stand zu halten, die Auflösungserscheinungen und das Chaos zu ertragen bzw. einzudämmen und stattdessen den Gegner in denselben Zustand zu versetzen. Die Verteidigung im engsten, d.h. absoluten Sinne beginnt also erst dort, wo der Angreifer in die feindliche Stellung eindringt – und eben dort beginnt auch der Angriff im engsten und absoluten Sinne. Dies ist gleichsam der Zeitpunkt, an welchem das Vernichtungsprinzip des Feuers endet, da von dem ungezielten, unpersönlichen Feuer nun kein Gebrauch mehr gemacht werden kann. Es kann jetzt nur noch der Einzelne den Einzelnen angreifen, wobei wir unter dem Einzelnen durchaus auch kleine Trupps und Kampfgemeinschaften, d.h. unteilbare taktische Elemente verstehen.

 

Verschiedene Entwicklungen – im Wesentlichen die Überlegenheit der Feuerkraft sowie die größere Mobilität militärischer Einheiten, sicherlich aber auch die Angst vor Kontrollverlust seitens der militärischen Führung – haben dazu geführt, dass sich die Taktik in dieser Beziehung verändert hat. Die Verteidigung hat selbst den Grundsatz der Bewegung für sich entdeckt und weicht nun aus, bevor der gegnerische Angriff ihre Reihen berührt. Wenn also eine Stellung rechts und links umgangen wird, so ist es zu einem taktischen Grundsatz geworden, auszuweichen und eine tiefere Stellung zu beziehen, damit der Zusammenhang der Gefechtsführung gewahrt bleibt. Es wird also möglichst lange von dem Vernichtungsprinzip des Feuers Gebrauch gemacht und dann, unmittelbar vor dem Nahkampf und der damit einsetzenden Verteidigung im engeren und absoluten Sinne, wird die Stellung aufgegeben, dem Feind überlassen und eine entfernter liegende Verteidigungslinie bezogen. Dieses Prinzip der Verzögerung gründet vor allem auf der Idee der Zurückverlagerung der Entscheidung, welche wir auch von Clausewitz kennen.[26] Was bei ihm im Rahmen der Strategie möglich war, ist heute aufgrund gesteigerter Bewegungsfähigkeit auch taktisch möglich. So wird dem Angreifer der Einbruch durch geschicktes Ausweichen verwehrt, so dass der Verteidiger sich länger der überlegenen Feuerkraft bedienen kann und den Gegner sukzessive abnutzt, bis das Kräfteverhältnis für den Verteidiger günstig genug ist, um mit der eigentlichen Verteidigung, d.h. dem Nahkampf, zu beginnen.

 

Solange das Ausweichen vor der Entscheidung auf diesem Rational gegründet ist, bleibt es logisch und nachzuvollziehen. Problematisch scheint es jedoch zu werden, wenn es stattdessen zur Methode[27] wird und der Angreifer sich also darauf verlassen kann, dass der Verteidiger ausweicht, sobald er eine bestimmte Linie überschritten hat. In diese Richtung scheinen sich moderne mechanisierte Streitkräfte jedoch entwickelt zu haben, denn nur so ist es zu erklären, dass heute einige Waffen als Angriffswaffen gelten, die im Nahkampf, d.h. im Rahmen einer 360-Grad-Bedrohung, vollkommen unbrauchbar sind. So hat beispielsweise der Kampfpanzer eine bemerkenswert irrationale Entwicklung in der militärischen Wahrnehmung und Anwendung vollzogen. Zunächst war er nichts anderes als eine bewegliches Maschinengewehr und ermöglichte es somit der Infanterie die feindlichen Stellungen zu erreichen, indem er sie begleitete, das feindliche Feuer auf sich zog bzw. niederhielt. Er war somit wie das Maschinengewehr eine reine Unterstützungswaffe der Infanterie und im Übrigen auch für den Rundumkampf ausgerüstet und damit im Nahkampf einsetzbar. Zwischen den Weltkriegen kamen Strategen wie Fuller[28] und Guderian[29] zu der Idee, den Kampfpanzer auch selbstständig einzusetzen, indem er durch eine von der Infanterie geschlagene Lücke einbrechen und tief in das feindliche Gebiet eindringen sollte. Die Vorstellung des Kampfpanzers als Angriffswaffe war geboren – allein es handelte sich hierbei um einen strategischen und keinen taktischen Angriff, was jedoch allseits unbemerkt blieb, da die begriffliche Schärfe wie sie hier vertreten wird in der praktischen Welt nicht vollzogen wurde. Durch seine hohe Beweglichkeit konnte sich das mobile Geschütz also ohne bedeutsamen Kampf bzw. entscheidendes Gefecht weit hinter die feindlichen Hauptstreitkräfte setzen, diese somit von der Versorgung abschneiden, in Panik versetzen und der Gefahr des „Anfalls von mehreren Seiten“[30] aussetzen. Dies ist aber eine allein strategische Verwendung und hat mit der Taktik wenig zu tun. Das Vorbeigehen an einer feindlichen Defensivstellung war indessen nicht neu, im Gegenteil schrieb bereits Clausewitz, dass es „fast keine Stellung in der Welt [gibt, an welcher] man nicht im bloßen Wortsinn vorbei gehen könnte“[31]. Die Anfangserfolge der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg sind darauf zurückzuführen, dass die gegnerische Hauptmacht auf dieses Vorbeigehen in keiner adäquaten Weise[32] reagieren konnte, da sie an Mobilität und Beweglichkeit unterlegen war. Erst im späteren Verlauf des Ostfeldzugs wurde es dem Gegner möglich, auf den strategischen Angriff der Panzerwaffe zu reagieren. Zum einen durch das Niederhalten von weiträumigen Bewegungen durch Luftstreitkräfte, zum anderen durch das Stellen der Kampfpanzer durch andere Kampfpanzer, wie z.B. im Rahmen der Panzerschlacht bei Dubno-Luzk-Riwne vom 23. bis 29. Juni 1941. Seitdem gibt es keine strategischen Erfolge, die auf den Einsatz der Panzertruppe zurückzuführen wären, aber der Ruf als Angriffswaffe hat sich bemerkenswerterweise bis heute gehalten und dazu geführt, dass sich Ost- und Westblock im Kalten Krieg mit Panzern in utopischen Stückzahlen gegenüberstanden. Die technische Optimierung führte dazu, dass der Kampfpanzer jetzt nur noch nach vorn und nur auf große Distanzen wirken konnte und hatte ihn somit zu einer reinen Distanzwaffe entwickelt, welche der Infanterie im Nahkampf nichts mehr entgegensetzen konnte. Es scheint – und dies ist der Höhepunkt dieses kleinen Exkurses – vollkommen widersinnig zu sein, dieses Mittel als Speerspitze des Heeres und als Angriffswaffe zu verstehen, wo es doch, indem es sich dem Verständnis von Angriff entsprechend immerzu auf den Feind zu bewegt, permanent die Distanz verringert, die es doch eigentlich benötigt, um seine volle Wirksamkeit zu entfalten. Diese Methode kann nur auf einer stillen, gegenseitigen Vereinbarung beruhen: dass der Feind immer brav ausweicht, damit der Kampfpanzer seine Distanzwirkung aufrecht erhalten kann und nicht plötzlich in einen Nahkampf gerät. Dies ist aber nur ein Beispiel von vielen, welches zeigt, wie sehr sich die moderne westliche Kriegskunst zu etwas sehr unnatürlichem entwickelt hat, einer inneren Logik oftmals entbehrt und darum auch von der sogenannten asymmetrischen Kriegführung schwacher, natürlich entwickelter Gegner so unvorbereitet getroffen wurde.

 

Ich will diesen kleinen Exkurs an dieser Stelle abbrechen, er sollte letztlich nur zeigen, dass das Feld der Taktik sehr komplex ist und im Detail doch stets stark von den gegenwärtigen rüstungstechnischen Entwicklungen und Möglichkeiten abhängt. Ungeachtet dessen scheint der Clausewitz’sche Grundsatz wahr zu sein, dass die Basis des Gefechts der Nahkampf bleibt und dass dieser notwendig ist, um eine Entscheidung im Gefecht herbeizuführen. Die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg, die den Eindruck vermittelt, dass es dieses Nahkampfes nicht mehr bedürfe und dass sich das Gefecht auch im Distanzkampf entscheiden könne, hat bisher keinen Beweis für ihre Berechtigung geliefert. Es scheint vielmehr eine künstliche, gegen die Kriegserfahrung gerichtete Theorie zu sein, die dies annimmt – sicherlich können Kriege ohne Nahkampf gewonnen werden, ebenso wie sie ohne Gefechte gewonnen werden können. Das Gefecht selbst und somit auch die Taktik müssen jedoch ganz Wesentlich durch den Nahkampf bestimmt sein, wenn nicht die sich gegenüberstehenden, hochgerüsteten Armeen eine Entwicklung eingenommen haben, die von der eigentlichen Sache weit entfernt ist und zu einer Situation geführt hat, in welcher die Streitkräfte beider Seiten derart komplex strukturiert sind, dass sie einen Nahkampf, bei welchem jeder Einzelne sich in gewissen Graden selbst überlassen ist, als nicht auszugleichender Nachteil empfunden werden muss.

 

Abschließend kann also festgehalten werden, dass die natürliche Basis des Gefechts der Nahkampf ist, dass der Angreifer diesen sucht und sich dazu der Bewegung bedienen muss und dass der Verteidiger diesen abwartet und sich dazu dem festen Stand bedienen kann. Das Vernichtungsprinzip des Feuers wirkt für beide unterstützend, wobei der Verteidiger die besseren Voraussetzungen hat, sich desselben zu bedienen. Die Taktik kann ihr Mittel, d.h. die einzelnen Streitkräfte, somit in drei verschiedenen Varianten einsetzen: zum einen im Angriff, d.h. in der Bewegung auf den Feind zu, zweitens in der Verteidigung, d.h. in der Stellung, den feindlichen Angriff abwartend und drittens im Feuerkampf, sowohl aus der Bewegung wie in der Stellung, um die Voraussetzungen für den Nahkampf zu verbessern. Dass es diese dritte Bestimmung überhaupt gibt – denn dass der Feuerkampf geführt wird ist gewissermaßen eine Selbstverständlichkeit und muss von der Taktik nicht angeordnet werden – ist allein darin begründet, dass die Streitkräfte auch ausschließlich zum Fernkampf bestimmt werden können, dass sie also keine Verteidigungsstellung, sondern eine Feuerstellung zugewiesen bekommen und somit nicht zum Zwecke des Nahkampfs vorgesehen sind. Zur Zeit Clausewitz‘, als das Feuer und die Bewegung nicht gleichzeitig gedacht werden konnten, ergab sich diese Trennung von ganz allein.

 

Es ist also das Grundprinzip der Taktik, dass sie den Streitkräften diese drei Bestimmungen (Angriffsbewegung, Verteidigungs- und Feuerstellung) zuweist und somit die Grundlinien des Gefechts bestimmt. Je mehr Kräfte die Taktik zum Zwecke des Angriffs bestimmt, desto mehr Kräfte versetzt sie willentlich in eine Krise, desto größere Risiken geht sie ein, desto mehr bedroht sie sich selbst und den Gegner mit dem Untergang, desto mehr macht sie rücksichtslos von dem Mittel der Gewalt Gebrauch und sucht aktiv die Entscheidung.

 

Je mehr Streitkräfte die Taktik zur Verteidigung bestimmt, je stärker sie also die Flanken des Angriffs deckt oder sich gar in der Hauptsache zur Verteidigung einrichtet und nur wenige Kräfte zum Gegenstoß bestimmt, desto größer ist ihre Chance die Krise abzuwenden, desto besser kann sie sich der Feuerkraft bedienen, desto fester ist ihr Stand und desto ferner ist ihr Untergang, desto weniger macht sie aber aktiv von dem Mittel der Gewalt gebrauch, sondern legt das Maß der Gewalt in die Hände des Gegners, desto weniger sucht sie selbst die Entscheidung, sondern bietet das Entscheidungsgefecht nur an.

 

Je mehr Streitkräfte die Taktik aber zum reinen Distanzkampf bestimmt, desto schwieriger macht sie es dem Gegner zum Angriff, desto weiter rückt sie also die Entscheidung überhaupt in die Ferne. Der Distanzkampf ist folglich die schwächste Form der Gewaltanwendung und auch die schwächste Bestimmung der Taktik, da er konzeptionell nur einen kleinen Sieg oder eine kleine Niederlage herbeiführen kann und somit auch für die Strategie nur sehr begrenzte Vorteile oder Nachteile bietet.

 

Je höher der taktische Führer sein Ziel also setzt, je mehr er die vollumfängliche Vernichtung der feindlichen Streitkräfte anstrebt, desto mehr muss er den Nahkampf mittels Angriff suchen. Je mehr er aber nur kleines will, nur ein sehr begrenztes Ziel verfolgt und mit einigen wenigen gegnerischen Verlust glaubt, das strategische Ziel verwirklichen zu können, desto mehr reicht es ihm, nur den Fernkampf zu bieten und einem Nahkampf auszuweichen – je gefährlicher ist ihm gleichwohl der überraschende feindliche Angriff.

 



[1]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 510.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 507 f.

[3]                 Clausewitz, Kriege, S. 507.

[4]                 Clausewitz, Kriege, S. 507.

[5]                 Clausewitz, Kriege, S. 507.

[6]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 390.

[7]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 507.

[8]                 Die Verwendung von Pfeil und Bogen als Kriegswaffe ist zumindest bis in die Jungsteinzeit nachweisbar. Vgl. Junkmanns, Pfeil.

[9]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 513.

[10]               Clausewitz, Kriege, S. 390; insbesondere siehe Kapitel V.2.1.

[11]               Clausewitz, Kriege, S. 508.

[12]               Liddell Hart, Sir Henry Basil, *1895, Paris; +1970 Marlow, britischer Militärhistoriker, Korrespondent, Offizier.

[13]               Vgl. Liddell Hart, Ghost, S. 128 f.

[14]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 613.

[15]               Clausewitz, Kriege, S. 502.

[16]               Clausewitz, Kriege, S. 518.

[17]               Konversations-Lexikon, Bd. 8, S. 756.

[18]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 507.

[19]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 550.

[20]               Vgl. Liddell Hart, Ghost, S. 128 f.

[21]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 441 ff.

[22]               Clausewitz, Kriege, S. 508.

[23]               Siehe Kapitel V.2.1.

[24]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 510.

[25]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 507 f.

[26]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 785.

[27]               Zum Begriff der Methode bzw. des Methodismus vgl. Clausewitz, Kriege, S. 307 ff.

[28]          Fuller, John, Frederick Charles; *1878, Chichester; +1966; brit. Offizier und Militärhistoriker.

[29]          Guderian, Heinz Wilhelm; *1888, Kulm; +1954, Schwangau; dt. Offizier

[30]               Clausewitz, Kriege, S. 619.

[31]               Clausewitz, Kriege, S. 691.

[32]               Clausewitz nennt fünf mögliche Reaktionen auf das gegnerische Vorbeigehen: 1. Von vorneherein die Kräfte teilen, um einen vorbeigehenden Gegner aufzufangen. 2. Sofortiges zurückziehen auf eine tiefere Stellung. 3. Sofortiger Angriff in die Seite. 4. Wirken auf die Verbindungslinien und 5. Strategischer Angriff in das feindliche Heimatland. Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 816 ff.

 

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