1. Taktik und Rücksichtslosigkeit der Gewaltanwendung

 

Die in diesem Kapitel dargestellten Aspekte haben die Ebene der Taktik in mehren, wenngleich längst nicht allen Facetten ausgeleuchtet. Gefechte können vielfältige Formen und Ausprägungen annehmen. Sie können groß oder klein sein, sie können von hochtechnologischen Waffen dominiert oder mit einfachsten Werkzeugen oder gar im bloßen „Faustkampf“[1] entschieden werden. Ihnen allen ist gemein, dass sie zwar in einem unterschiedlichen Rahmen stattfinden, dass ihnen also ein fernerer Zweck, d.h. ein strategisches Ziel, zugrunde liegt und dass dieser Zweck die Gefechte „individualisiert und mit dem großen Ganzen[2] verbindet, dass es innerhalb desselben aber nur ein Ziel gibt und dies ist die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte. Innerhalb eines Gefechtes sind die verfeindeten Streitkräfte somit in einer bemerkenswerten Weise gleich und sämtliche ferneren politischen Ziele und Zwecke, sämtliche ethischen und moralischen Überzeugungen, die einen Krieg vielleicht rechtfertigen mögen oder dies auch nicht vermögen und ihn zu einem Unrecht machen, sind im Augenblick des Gefechts für dessen Resultat und insbesondere für die darin beim Leben bedrohten Streitkräfte vollkommen belanglos. Die wichtigste Folgerung daraus für diejenigen, die über Krieg und Frieden entscheiden, ist, dass sich kein Gefecht und folglich auch kein Krieg allein mit guten bzw. gerechten Absichten gewinnen lässt. 

 

Es ist aber darum nicht, wie Kondylis feststellt, das Gefecht dasjenige Element im Krieg, welches dem absoluten Krieg am nächsten käme.[3] Im Gegenteil findet selbst der junge Clausewitz, der in der Strategie die Verfolgung des größten Ziels und den gleichzeitigen Einsatz aller Streitkräfte fordert, gute Gründe, um innerhalb des Gefechts behutsam und vorsichtig vorzugehen, nicht alle Kräfte gleichzeitig einzusetzen, sondern Reserven außerhalb des feindlichen Feuers für die spätere Verwendung ruhen zu lassen.[4] Überhaupt sind sämtliche Versuche, das Gefecht mit dem absoluten Krieg gleichzusetzen oder zumindest als eigentlichen Kern des Krieges zu begreifen und alles außerhalb des Gefechts gewissermaßen zu zivilisatorischen oder kulturellen Nebenereignissen und Hintergründen des eigentlichen Geschehens zu erklären,[5] eine Verdrehung der essentiellen Zusammenhänge der Clausewitz’schen Kriegstheorie. Zwar stellt Clausewitz fest, dass Kriege im Rahmen von „einfachen Verhältnissen wilder Völker“ nur in einem einzigen großen Gefecht kulminieren[6], doch liegt dies nicht im Begriff des Krieges selbst, sondern es liegt allein an den einfachen politischen Verhältnissen, dass auch der Krieg nach einfachen Verhältnissen aufgebaut ist. Die Begriffe Gefecht, Krieg und politische Verhältnisse oder Taktik, Strategie und Politik stehen also in einer jeweils einseitigen Abhängigkeit zueinander und lassen sich nicht aus diesem Zusammenhang lösen. Wird der Versuch einer abstrakten, isolierten Betrachtung doch unternommen, d.h. wird der Krieg an sich oder das Gefecht an sich untersucht, so führt dies unweigerlich zu einer abstrakten, äußersten Vorstellung, die zu den wirklichen Verhältnissen keinen Bezug mehr findet und darum nur als absurd bezeichnet werden kann.[7]

 

Habe ich also oben gesagt, dass die äußeren Verhältnisse für das Gefecht belanglos seien, so gilt dies nur für das innere Prinzip und das Resultat des Gefechts, nicht aber für dessen tatsächliche Gestalt. Diese ist freilich von vielfältigen Dingen abhängig, die sich nicht recht in eine Form bringen lassen wollen. Freilich können Gefechte mehr oder weniger willkürlich oder einem bestimmten Zweck entsprechend in Kategorien gebracht werden. So kann eine beliebige Variable zu einem bestimmenden Merkmal erhoben werden, welches dann die einen Gefechte von den anderen unterscheidet. Eine solche Kategorisierung ist zum Beispiel die vollkommen künstliche, nicht in der Natur der Sache sondern allein politisch normativ begründete Unterscheidung zwischen dem regulären und dem irregulären Kampf.[8] Wie aber lassen sich Gefechte im Rahmen der Clausewitz’schen Kriegstheorie klassifizieren?

 

„Niemals kann das Mittel ohne Zweck gedacht werden“[9], schreibt Clausewitz. Wir wollen also den Gedankengang beim Zweck der Taktik, also dem Zweck im Gefecht, starten und stellen dort fest, dass dieser Zweck eine mehr oder weniger große Bedeutung für die Strategie haben muss. Die einzelnen Gefechte unterscheiden sich somit in ihrer Bedeutung für die Strategie. Was aber folgt daraus für die Führung des Gefechts? Zum einen könnte gesagt werden, dass – so wie bei dem Krieg als Ganzem – die Bedeutung des Gefechts auch dessen Umfang bestimmen muss. Der Umfang des Gefechts, im Wesentlichen durch die Anzahl der Streitkräfte bestimmt, die im einzelnen Gefecht eingesetzt werden, ist jedoch eine strategische Bestimmung und keine taktische. D.h. die Größe der Streitkräfte ist für die Taktik „ein Gegebenes“[10], sowohl mit Blick auf die absolute Zahl, wie auch mit Blick auf den relativen Wert.[11] Wenn es nun nicht die Zahl ist, die durch die Taktik beeinflusst werden kann, so könnten es doch vielleicht die Anstrengung sein, welche durch die Streitkräfte erbracht werden muss. Aber auch diese muss als ein Gegebenes betrachtet werden, denn sie fußt zum einen auf den moralischen Hauptpotenzen und zum anderen auf dem persönlichen Willen des Einzelnen. Beide Größen müssen als ein Bestandteil des relativen Wertes der Streitkräfte verstanden werden und sind insofern ebenso wenig disponibel für die Taktik. Des Weiteren könnte gesagt werden, dass die Bedeutung des Gefechts den Widerstandsgrad bemisst, welchen die Streitkräfte dem Gegner im Gefecht entgegenbringen. Wenn es also um wenig geht, so wird der Widerstand nur gering sein und die Absicht früher abgebrochen, als wenn es sich um die Hauptschlacht des Feldzuges handelt. Dies scheint ein erster Schritt in die richtige Richtung zu sein, aber es trifft noch nicht den Kern. Zum einen ergibt sich der absolute Widerstandgrad, d.h. der Widerstand bis zur Entscheidung, aus der Stärke der Streitkraft und diese ist wie oben bereits gesagt wurde für die Taktik indisponibel. Zum zweiten gibt es aber auch einen relativen Widerstandsgrad, der aus einem Wahrscheinlichkeitskalkül des taktischen Führers bzw. des Feldherrn besteht. Es gibt also einen Punkt, an welchem der Feldherr ein Gefecht abbricht, seine Kräfte noch vor der Entscheidung des Gefechts abrücken lässt und somit seine ursprüngliche Absicht aufgibt. Diese Art der Widerstandskraft könnte hier gemeint sein, denn natürlich ist der Feldherr eher dazu geneigt eine unbedeutende Absicht aufzugeben, als eine, von welcher er sich die Entscheidung des Feldzugs erhofft. Aber, so muss gesagt werden, es richtet sich dieser relative Widerstand doch in beiden Fällen – dem bedeutenden und dem unbedeutenden Gefecht – nicht nach der Größe des Zwecks, sondern nach der Wahrscheinlichkeit des Erfolges. Es muss also gesagt werden, dass der taktische Führer bzw. Feldherr eine individuelle Grenze im Wahrscheinlichkeitskalkül hat und in dem Augenblick, indem die Wahrscheinlichkeit des Sieges unter diese fällt, er das Gefecht abbricht, unabhängig von der Größe und Bedeutung des Zwecks. Denn mit der Bedeutung des Zwecks steigen auch die Konsequenzen einer möglichen Niederlage und aus diesem Grunde scheint eine höhere Risikobereitschaft in keiner Weise vernünftig. Da das frühzeitige Aufgeben der Absicht in der Regel das kleinere Übel neben der absoluten Niederlage darstellt, muss sogar zugestanden werden, dass es für den Feldherrn sinnvoller erscheint, bei größeren Zwecken seine Absicht früher aufzugeben. Finden wir also, dass an einer bedeutenden strategischen Absicht länger festgehalten wird als an einer unbedeutenden, so liegt es daran dass der Feldherr dazu mehr Kräfte bestimmt, nicht aber daran, dass diese Kräfte im Einzelnen betrachtet mehr Widerstand leisten. Steigt aber die strategische Bedeutung eines Gefechts, ohne dass die dazu bestimmten Kräfte ansteigen, so sehen wir keinen Grund, weshalb der Widerstand in irgendeiner Form länger gehalten werden könnte.

 

Was bleibt der Taktik also übrig, um einer steigenden Bedeutung des Gefechts gerecht zu werden? Wir finden die Antwort im ersten Buch des ersten Kapitels:

 

„Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt, so muß der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut. [...]

 

So muß man die Sache ansehen, und es ist ein unnützes, selbst verkehrtes Bestreben, aus Widerwillen gegen das rohe Element die Natur desselben außer acht zu lassen. [...]

 

Finden wir also, daß gebildete Völker den Gefangenen nicht den Tod geben, Stadt und Land nicht zerstören, so ist es, weil sich die Intelligenz in ihre Kriegführung mehr mischt und ihnen wirksamere Mittel zur Anwendung der Gewalt gelehrt hat als diese rohen Äußerungen des Instinkts.

 

Die Erfindung des Pulvers, die immer weitergehende Ausbildung des Feuergewehrs zeigen schon hinreichend, daß die in dem Begriff des Krieges liegende Tendenz zur Vernichtung des Gegners auch faktisch durch die zunehmende Bildung keineswegs gestört oder abgelenkt worden ist.“[12]

 

Die Taktik ist die Ebene der unmittelbaren Gewaltanwendung und derjenige, welcher sich der Gewalt rücksichtsloser bedient, sie in diesem Sinne also effektiver einsetzt, ist im Vorteil. Es muss folglich das Ziel der taktischen Lehre sein, die Gewaltanwendung zu optimieren. Dabei gibt es jedoch vielfältige Gründe, vor dem Äußersten der Gewaltanwendung zurückzuschrecken und – im Clausewitz’schen Duktus – das Blut zu schonen. Ein erster Grund sind Aspekte der Menschlichkeit und der Ethik, welche die Anwendung der Gewalt verbieten oder einschränken. Clausewitz äußerst sich diesen Gründen gegenüber jedoch strikt ablehnend[13] und dies ist vor dem Hintergrund einer die Zweckrationalität als einzig normatives Element begreifenden Theorie auch vollkommen stringent. Zugänglicher ist der General aber freilich auf der rational begründenden Ebenen. So kann das Überschreiten einer bestimmten Gewaltschwelle bzw. die Anwendung bestimmter, geächteter Gewaltmittel auf politischer Ebene andere Gemeinwesen negativ beeinflussen, so dass sie als Bündnispartner abfallen oder gar dem Gegner beispringen.[14] Darüber hinaus kann eine übermäßige Gewaltanwendung auch Hass und Feindschaft beim gegnerischen politischen Gemeinwesen schüren und somit Leidenschaften oder Widerstandskräfte im Gegner erzeugen, die zuvor nicht vorhanden waren.[15] Dies gilt ebenso für die Ebene der Streitkräfte, welche durch ein Übermaß an Gewalt zur Rache und Vergeltung motiviert werden können.[16] Und schließlich finden sich sogar auf taktischer Ebene Gründe, um vor dem Äußersten der Gewaltanwendung zurückzuschrecken. Denn die Grausamkeiten, die der eine begeht sowie die hinterhältigen Mittel, die er anwendet, die wird auch der andere begehen bzw. anwenden können; und so „gibt jeder dem anderen das Gesetz“[17] und was der eine dem anderen an Gewalt zufügt, dass muss er auch für sich selbst fürchten. So werden die Kontrahenten zu Gegengewichten und die Furcht, selbst Grausamkeiten zu erfahren, kann zu einem ermäßigenden Prinzip werden.[18]

 

Es lässt sich also feststellen, dass es eine Reihe von rationalen Gründen gibt, sich innerhalb des Gefechts nicht rücksichtslos der Gewalt zu bedienen und eine durch die äußeren Verhältnisse vorgegebene Grenze bzw. Konvention einzuhalten. Diese dem Gefecht selbst äußeren Zwänge können je nach den strategischen und politischen Verhältnissen, die zu dem Gefecht führen, groß oder klein sein, sie können die Akteure kaum in ihrer Gewaltanwendung hemmen oder auch sehr große Einschränkungen darstellen. Diese Einschränkungen und Rücksichtnahmen in der Gewaltanwendung sind jedoch niemals feststehende Gesetze, sondern lediglich selbst auferlegte Verhaltensnormen, die jederzeit und ohne unmittelbare Bestrafung gebrochen werden können, da das politische Gemeinwesen sich selbst die höchste moralische Autorität ist und kein höher stehendes, weltliches Recht akzeptiert.[19] Dies alles führt zu der bemerkenswerten Erkenntnis, dass die rücksichtslose Steigerung der Gewaltanwendung zwar zu einem Übergewicht im Gefecht führt und also die Wahrscheinlichkeit des taktischen Sieges erhöht, dass sie aber gleichwohl die spätere Fortsetzung des Krieges erschwert und also unter Umständen den strategischen Sieg in weitere Ferne rückt.

 

Je größer nun also die Bedeutung des einzelnen Gefechts, je mehr der Ausgang des Gefechts selbst den strategischen Erfolg bestimmt, d.h. je mehr die Strategie alles auf den Sieg in diesem Gefecht gesetzt hat, desto mehr Gewicht bekommen taktische Gesichtspunkte in den strategischen Überlegungen und desto mehr verlieren fernere strategische Überlegungen an Bedeutung und desto mehr darf und muss sich folglich die Taktik der äußersten und schrankenlosen Gewaltanwendung bedienen. Je mehr sich also das Gefecht in einer strategischen Alles-oder-Nichts-Situation befindet, desto rücksichtsloser können sich die Streitkräfte logischerweise der Gewalt bedienen. Ist das Gefecht aber nur von geringer Bedeutung, ist der Sieg nur von begrenzter Tragweite, so würde die Entgrenzung der Gewalt mehr Schaden bereiten als Nutzen erbringen und wäre in diesem Sinne unzweckmäßig.

 

Dieser Grundgedanke muss sofort gegen zwei Missverständnisse verteidigt werden, die recht Nahe liegen. Das erste ist ein falsches bzw. richtigerweise ein anderes Verständnis von der Entgrenzung der Gewalt. Clausewitz betont explizit, dass „der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt“[20] und macht dies auch zu der Voraussetzung seiner Prämisse, dass derjenige, der sich der Gewalt schonungsloser bedient, im Übergewicht gegenüber demjenigen ist, der dies nicht tut. Diese Voraussetzung ist von außerordentlicher Wichtigkeit und führt dazu, dass der Grad der Gewalt nicht durch eine subjektive Wahrnehmung bestimmt wird – so wie man es beispielsweise für grausamer erachtet, ein Lebewesen langsam zu Tode zu quälen, als einen Tod schnell herbeizuführen – sondern durch den Grad der objektiven Effektivität. Je größer folglich die Menge der gegnerischen Streitkräfte, die vernichtet werden und je kürzer die Zeit, die darauf verwendet wird, desto größer die Intensität der Gewaltanwendung und desto wahrscheinlicher der taktische Sieg.

 

Nun ist diese Form der Gewaltintensität nach unserem heutigen Verständnis zunächst kein großes Vergehen, da sie sich auf Gewalt gegen Streitkräfte beschränkt und Gewalt gegen Nichtstreitkräfte bzw. Zivilisten gar nicht betrachtet. Die von Clausewitz dargestellte „äußerste Anwendung der Gewalt“[21] scheint auf den ersten Blick also eine recht „saubere“ Form der Kriegsführung zu sein. Dies mag damit zusammenhängen, dass die im Kriegsvölkerrecht verankerten Konventionen, die unser heutiges Verständnis von Recht und Unrecht im Krieg maßgeblich prägen, nur als „unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen“[22] bezeichnet werden können, welche die Gewaltanwendung beschränken, „ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen.“[23] Dies sagt aber weniger etwas über die Clausewitz’sche Kriegstheorie aus, als über den Geist, in welchem das Kriegsvölkerrecht verfasst wurde. Dies geschah offensichtlich in dem Bewusstsein, dass nur solche Konventionen eine Chance auf Einhaltung im damaligen Europa hatten, welche die militärische Gewalt in ihrer eigentlichen Wirkung nicht merklich störten.

 

Aber diese der europäischen Entwicklungsgeschichte entstammenden Beschränkungen des Humanitären Völkerrechts sind keineswegs universal und waren in anderen Epochen auch anders gestaltet. Sie müssen sich dabei nicht nur auf den Schutz der Zivilbevölkerung konzentrieren, sondern können sich auch auf die Methoden des Kampfes usw. beziehen. So gab es Zeiten, in denen es sich nicht schickte auf Offiziere zu schießen, da ansonsten die Heere führungslos sein würden, was als unvorstellbarer Zustand galt. Hier schiebt sich also par excellence eine Konvention vor die Effektivität der Gewaltanwendung, denn selbstverständlich wäre der Tod eines Offiziers vor allem in diesen Zeiten von einem viel höheren Nutzen für den Gegner gewesen als der Tod eines einfachen Schützen. Dies zeigt plastisch, dass die Konventionen und Rücksichten in den verschiedenen Zeiten und Regionen doch sehr unterschiedlich sein können, dass sie die Gewalteffektivität je nach ihrer Beschaffenheit mehr oder weniger stören und auch nicht in der Hauptsache dagegen gerichtet sein müssen.

 

Wenn Clausewitz also von der Äußersten Gewaltanwendung spricht, welche „rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes“[24] anzuwenden sei, so ist dies nicht als Postulat zu einer vollkommen neuen Qualität in der Gefechtsführung zu verstehen, so dass nun also die Gewalt möglichst blutrünstig anzuwenden wäre oder dass es nunmehr die Hauptsache wäre, gegen Konventionen zu verstoßen, sondern es ist lediglich die vollständige Loslösung von jeglicher Beschränkung, welche sich in der Gewaltanwendung findet.  Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte soll also zu jedem Preis und unter bewusster Inkaufnahme von Nebenwirkungen und Regelverstößen verfolgt werden.

 

Das zweite Missverständnis, dem hier entgegen getreten werden soll, ist die Vermischung von zwei unterschiedlichen Ebenen. Es wurde weiter oben gesagt, dass die Herbeiführung eines Allgemeinen Schadens, d.h. die Gewaltanwendung gegenüber Nichtstreitkräften – sei es Brandschatzung, Plünderung, Misshandlungen, Mord oder Missbrauch – als strategisches Ziel und somit als Zweck in einem Gefecht dienen kann.[25] Dies könnte im Zusammenhang zu diesem Kapitel einige Verwirrungen auslösen und darum müssen die beiden Sachverhalte explizit voneinander getrennt werden.

 

In der Sekundärliteratur wird gelegentlich herausgestellt, dass Clausewitz empfahl, die kriegerische Gewalt gegen die feindlichen Streitkräfte zu konzentrieren. Daraus wird dann gefolgert, dass er Gewalt gegen Nichtstreitkräfte bzw. gegen die Zivilbevölkerung ablehnte.[26] Dieser Schluss ist jedoch nicht zulässig, da er die unterschiedlichen Ebene nicht reflektiert, in welchen verschiedene Aussagen Gültigkeit besitzen. Im Rahmen eines Gefechts würde ein Gewaltakt gegenüber der Zivilbevölkerung eine Verschwendung von Mitteln (Streitkräften) darstellen. Da es sich definitionsgemäß um das Aufeinandertreffen zweier Streitkräfte handelt, ist in dieser konkreten Lage nichts dringlicher, als seine Gewalt gegen die andere Streitmacht zu richten. Auf der strategischen Ebene gibt es jedoch einen deutlich größeren Spielraum und es finden sich „kürzere Wege zum Ziel“[27] – die Herbeiführung eines Allgemeinen Schadens ist hier selbstverständlich eine Möglichkeit bzw. ein Weg zum Erfolg, allerdings ein sehr schwacher und auch ein sehr gefährlicher.[28] Während also auf der taktischen Ebene die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung kein Ziel, sondern nur eine Begleiterscheinung darstellt, die „vom Zertrampeln der Kartoffelfelder bis hin zur Tötung durch Artilleriebeschuss oder Flugzeugbombardement“[29] gedacht werden kann, kann die strategische Gewalt gegen die Zivilbevölkerung eine Hauptabsicht darstellen.

 

Es ist nun mit Recht zu schlussfolgern, dass die gleichen Gründe, welche auf taktischer Ebene für die Einhaltung von Konventionen sprechen, auch auf der strategischen Ebene für diese Rücksichtnahmen sprechen. Es muss dazu aber gesagt werden, dass die strategische Gewaltanwendung gegenüber Nichtstreitkräften durchaus im Rahmen der Konventionen liegen kann, dass es aber auch hier zumeist Grenzen gibt, die zu überschreiten zu den oben aufgeführten, negativen Folgen führt. Der wesentliche Unterschied zur taktischen Ebene ist jedoch – und dies muss deutlich unterstrichen werden, um die Clausewitz’sche Theorie nicht in ein falsches Licht zu rücken – dass derjenige, der sich der strategischen Gewalt gegen die Nichtstreitkräfte rücksichtsloser bedient, keineswegs einen Vorteil gegenüber dem anderen daraus zu ziehen vermag. Mit anderen Worten, während es auf der taktischen Ebene eine Art Zwang geben mag, die Anwendung der Gewalt gegen die bestehenden Normen zu optimieren, um die Oberhand zu behalten bzw. zu erlangen, gibt es diesen Zwang auf der strategischen Ebene in keiner Form. Wenn also die Zerstörung einer Ortschaft nicht den gewünschten strategischen Effekt erzielt, wenn diese Zerstörung den Gegner nicht näher an eine Kapitulation bringt, sondern ihn vielmehr zusammenschweißt und im Widerstand entschlossener werden lässt, dann ist auch die Zerstörung von weiteren hundert Ortschaften nicht zielführend, da der Grundsatz, dass derjenige, der sich der Gewalt rücksichtsloser bedient als der andere, im Vorteil sei, auf der strategischen Ebene keine Entsprechung findet. Das Fehlen dieser wichtigen Erkenntnis hat nicht nur im Zweiten Weltkrieg zu unzähligen Toten geführt.

Damit glaube ich, die Zusammenhänge auf der taktischen Ebene weitestgehend dargestellt zu haben. Ein letzter Punkt darf in diesem Zusammenhang nicht fehlen. In der Geschichte finden sich freilich vielfache Beispiele dafür, dass gegen den hier dargestellten Zusammenhang verstoßen wurde, dass also in vollkommen unbedeutenden Gefechten ein Übermaß an Gewalt angewandt wurde und vielfache Konventionen gebrochen wurden. Ebenso finden sich leicht sehr bedeutsame Hauptschlachten, in welchen die Streitkräfte in einem dichten und engen Regelwerk erstarrt, das Gefecht entlang von Konventionen ausgefochten haben und dabei ganz und gar künstliche Resultate erhielten. Es ist der hier dargestellte Zusammenhang zwischen der Rücksichtslosigkeit in der Gewaltanwendung und der Bedeutung des Gefechts nur als ein innerer, als ein logischer Zusammenhang zu verstehen, der so etwas wie eine Haupttendenz darstellt. Freilich gibt es aber vielfache andere Zusammenhänge, insbesondere die Persönlichkeit des Feldherrn, die Art der agierenden Streitkräfte sowie die Stärke und subjektiv empfundene Verbindlichkeit der Konventionen, welche von der Haupttendenz ablenken und zu ganz anderen Ergebnissen in der Wirklichkeit führen. Insbesondere finden wir hier die im Krieg angeregten Triebe und Leidenschaften, die sich vor allem bei den vom Volksgeist beseelten Streitkräften auswirken, die eine Beschränkung der Gewalt im Krieg erheblich erschweren. Es bleibt also immer die Frage, wie groß der Einfluss der Taktik – verstanden als vernunftbegründete, rationale Lehre zum Gebrauch der Streitkräfte – auf die wirklichen Geschehnisse im Krieg ist. Haben sich schließlich die Streitkräfte verselbstständigt und sind kaum noch führbar oder verhalten sich die militärischen Führer irrational, so ergeben sich freilich ganz andere Dinge in der Wirklichkeit. Die eben dargestellten Phänomene sind also kein Widerspruch zur Theorie, sie sind nur ein praktisches Handeln gegen die zweckrationale Theorie und in diesem Sinne unzweckmäßig und von geringer Erfolgswahrscheinlichkeit.



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 391.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 423.

[3]                 Vgl. Kondylis, Theorie, S. 45 f.

[4]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 390 ff.

[5]                 Vgl. Kondylis, Theorie, S. 44 ff.

[6]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 422.

[7]                 Siehe Kapitel III.1.3.

[8]                 Vgl. Freudenberger, Theorie, S. 179 ff.

[9]                 Clausewitz, Kriege, S. 210.

[10]               Clausewitz, Kriege, S. 618.

[11]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 374, 618.

[12]               Clausewitz, Kriege, S. 192 ff.

[13]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 470.

[14]               Clausewitz hat diesen Zusammenhang zwar nicht dezidiert angesprochen, aber er erkannte durchaus die überaus bedeutsame Wirkung von Bündnispartner. So schrieb er: „Gibt es Unternehmungen, die vorzugsweise geeignet sind, Bündnisse unseres Gegners zu trennen oder unwirksam zu machen, uns neue Bundesgenossen zu erwerben, politische Funktionen zu unserem Besten aufzuregen usw., so ist leicht begreiflich, wie dies die Wahrscheinlichkeit des Erfolges sehr steigern und ein viel kürzerer Weg zum Ziel werden kann, als das Niederwerfen der feindlichen Streitkräfte.“ Clausewitz, Kriege, S. 218 f. Dies muss natürlich auch im umgekehrten Sinne gelten und wird somit zu einem logischen Grund der Gewaltmäßigung, sofern die umliegenden politischen Dispositionen in entsprechender Form gestaltet sind.

[15]               Siehe Kapitel IV.4.2; IV.5; V.2.2. Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 286.

[16]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 430.

[17]               Clausewitz, Kriege, S. 194.

[18]               Vgl. Herberg-Rothe, Rätsel, S. 51 ff.

[19]               Siehe Kapitel II.4.3.

[20]               Clausewitz, Kriege, S. 192.

[21]               Clausewitz, Kriege, S. 192.

[22]               Clausewitz, Kriege, S. 192.

[23]               Clausewitz, Kriege, S. 192.

[24]               Clausewitz, Kriege, S. 192.

[25]               Siehe Kapitel V.2.2.

[26]               Vgl. Heuser, Clausewitz, S. 62 f.

[27]               Clausewitz, Kriege, S. 221

[28]               Siehe Kapitel V.6.

[29]               Lütsch, Krieg, S. 140.

 

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