1.1. Das Fehlen eines dynamischen Gesellschaftsbildes bei Clausewitz

 

In der Clausewitz’schen Theorie ist der kriegerische Akt eine kollektive Gewalthandlung zwischen politischen Gemeinwesen.[1] Das eine Gemeinwesen versucht dem anderen seinen Willen aufzudrängen und vice versa. Ein politisches Gemeinwesen ist hauptsächlich dadurch definiert, dass es für die in ihm lebenden Personen die höchste moralische Autorität darstellt, unabhängig davon, ob diese z.B. durch eine Einzelperson, ein System oder eine Verfassung verkörpert wird. Dies gilt entweder unmittelbar oder mittelbar, d.h. es kann freilich auch eine Kette von moralischen Autoritäten unterschiedlicher Ordnungsgrade bestehen. Von einer höchsten moralischen Autorität sprechen wir aber nur dann, wenn sich diese Instanz keiner weiteren irdischen moralischen Gewalt unterordnet. Es ist also eine „philosophische Wahrheit“[2], dass sich die Menschheit eineindeutig in eine bestimmte Anzahl von politischen Gemeinwesen einteilen lässt. So sehr dies aber auch abstrakt betrachtet wahr sein mag, so wenig ist dies in der Praxis sichtbar, denn es ist freilich unmöglich, jedes einzelne Individuum in dieser Hinsicht zu untersuchen, zumal sich fraglos eine Vielzahl der Menschen der höchsten moralischen Gewalt, die über sie gebietet, kaum bewusst ist.

 

Um die Realität zu beschreiben, müssen darum Hilfsmittel genutzt werden, die an sich unscharf sind, im Großen und Ganzen der Sache aber entsprechen. Für die europäische Kriegstheorie des 19. Jahrhunderts ist ein solches Hilfsmittel zweifelsohne der (National-) Staat, in welchem sich ein politisches Gemeinwesen zu institutionalisieren scheint. Zwar ist der Staat nicht ausnahmslose für alle seine Bürger die höchste moralische Instanz, doch – sofern er intakt ist – ordnet sich zumindest eine signifikante Mehrheit der moralischen Gewalt des Staates unter. Allein die Unschärfe dieses Hilfsmittels in Bezug auf die Theorie des Krieges führt zu einer Unterscheidung zwischen einem innerstaatlichen und einem zwischenstaatlichen Krieg, denn innerhalb von echten, philosophisch wahren politischen Gemeinwesen kann es aufgrund der einheitlichen moralischen Oberautorität und der daraus resultierenden höchsten verbindlichen Rechtsprechung keinen Krieg geben. Zwar kann es auch innerhalb von politischen Gemeinwesen zu gewaltsamen Konflikten kommen, diese sind dort aber, anders als der Krieg bzw. der Bürgerkrieg, an konkrete, vor allem aber verbindliche Regeln und Normen geknüpft, wie z.B. das Fehderecht.[3]

 

Der Staat als politisches Gemeinwesen war für die Kriegstheorie insofern sehr bequem, als dass er eine absolute und statische Größe darstellt und eine sehr hohe Viskosität aufweist. Durch seine Institutionalisierung ist der Staat sehr präzise definiert, er ist also etwas konkretes, hat ein bestimmten Territorium, die Bürger sind eindeutig und offensichtlich zugeordnet.[4] Der Staat hat also in jeder Hinsicht klar definierte, statische Grenzen, die zu verschieben einen Kraftakt erfordert. Führen wir dies jedoch zurück auf den Begriff des politischen Gemeinwesens, so besteht der Staat notwendigerweise nur im Kern aus einem politischen Gemeinwesen, welches mittels physischem Zwang sowie mittels Konsensprinzip andere kleinere politische Gemeinwesen an sich bindet, um so seine äußere, klar definierte Gestalt über eine gewisse Dauer hinweg zu erhalten. Ist dieser Gedanke erst einmal zugelassen, dann wird auch ersichtlich, dass zwischen den einzelnen politischen Gemeinwesen je nach ihrer individuellen Bindungskraft eine Fluktuation der einzelnen Teile stattfindet, dass also einzelne Personen oder Gruppierungen ihre Gefolgschaft aufkündigen und sich anderen politischen Gemeinwesen anschließen können. Es muss also in Betracht gezogen werden, dass jedes politische Gemeinwesen eine bestimmte Stabilität aufweist und dass mit sinkender Stabilität die Fluidität der einzelnen Elemente zunimmt, dass sich also zunehmend Einzelteile vom Ganzen ablösen und sich anderweitig unterordnen.

 

Konfrontieren wir nun also ein sowieso sehr instabiles politisches Gemeinwesen mit einem bedeutenden Krieg, so versteht sich von selbst, dass es augenblicklich kollabiert und in mehrere kleinere politische Gemeinwesen zerfällt. Dieser Gedanke ist der Clausewitz’schen Kriegstheorie jedoch vollkommen fremd. Zwar nennt Clausewitz das Anzetteln einer Rebellion in gegnerischen Provinzen[5] als ein probates Angriffsmittel, doch hat er diesen Begriff geistig offenbar nicht vollumfänglich durchdrungen, denn ansonsten hätte ihm der Explosivstoff desselben auffallen müssen.

 

Das Fehlen der Idee von einer politischen Instabilität wird ganz offensichtlich bei dem Bild, welches Clausewitz von dem höchsten Ziel des Krieges, der gegnerischen Wehrlosigkeit, zeichnet. Er geht davon aus, dass ein Krieg im äußersten Fall solange geführt werden kann, bis der Unterlegene zu keinem ferneren Widerstand fähig ist und dass die Folge daraus sein muss, dass der Sieger nunmehr über den Entwaffneten gebieten kann, dass er ihm also seinen Willen ohne weitere Bedingungen aufzwingen kann. Mit diesem Bild setzt Clausewitz unbewusst jedoch etwas voraus, was in der Realität in dieser Absolutheit kaum vorhanden sein kann. Es müsste nämlich der Zusammenhang des politischen Gemeinwesens von einer unerschütterlichen Stabilität sein, damit es trotz des Zustandes der Wehrlosigkeit die moralische Bindungskraft nicht verliert. Clausewitz geht gewissermaßen davon aus, dass die gedachte Einheit des politischen Gemeinwesens etwas objektiv existierendes sei. Die Existenz eines politischen Gemeinwesen basiert allerdings nicht auf einem physisch bedingten Zusammenhalt, wie das idealistische Bild des organischen Körpers suggeriert, sondern auf einer gemeinsamen, subjektiven Identität, d.h. auf einer Idee.[6] Eine Idee kann jedoch ebenso schnell erlöschen, wie sie entstehen und sich wandeln kann. In diesem Sinne ist die Existenz eines politischen Gemeinwesens an den Fortbestand dieser gemeinsamen Identität geknüpft.

 

Stellen wir uns vor diesem Hintergrund also ein politisches Gemeinwesen vor, welches sich dem Zustand der Wehrlosigkeit annähert, so ist es offensichtlich eine Frage der individuellen Umstände, ob die Fluidität zunimmt, die einzelnen Individuen sich also anderen politischen Gemeinwesen anschließen bzw. das Ganze in vielfache Einzelteile zerbricht oder ob das politische Gemeinwesen die Einheit bewahrt und weiterhin als Ganzes, nur eben im Zustande der Wehrlosigkeit, agieren kann. Das Letztere wird umso mehr eintreten, je mehr die einzelnen Individuen moralisch an das Ganze gebunden sind und je mehr sie von ihrem individuellen Selbstverständnis her keine Alternative dazu haben. Das Erstere wird umso eher eintreten, je mehr die einzelnen Individuen nur durch Zwang oder Konsens in dem politischen Gemeinwesen eingebettet waren und je mehr sie über andere Strukturen und Gemeinschaften verfügen, die einen autonomen Charakter haben und insofern eine Alternative zur Selbstidentifizierung mit dem politischen Gemeinwesen darstellen. Einfacher gesagt: je stärker die Bindungskraft eines politischen Gemeinwesens, desto größer die Chance, dass die Einheit des Ganzen trotz eines Zustandes der Wehrlosigkeit erhalten bleibt.

 

Nun könnte zunächst gesagt werden, dass doch der Krieg als gewonnen betrachtet werden müsste, sobald das gegnerische politische Gemeinwesen in Auflösung gerät und den Zusammenhalt verliert. Freilich ist der Krieg in diesem Falle vordergründig gewonnen, denn der Wille, welcher der ursprünglichen Absicht entgegenstand, ist gebrochen. Ob jedoch die ursprüngliche politische Absicht hiermit erreicht wurde, ist von dem jeweiligen konkreten Zweck abhängig, denn mit dem Zerbrechen der politischen Einheit des Gegners tritt an die Stelle des einzelnen eine Vielzahl von politischen Akteuren, die eine ebenso große Vielzahl von Interessen und Absichten verfolgen. Dies macht das ganze politische Umfeld und die politischen Verhältnisse komplexer, denn es ist fraglos einfacher, einen starken Willen mit Gewalt zu brechen, als viele einzelne.

 

Ich glaube damit gezeigt zu haben, dass die Clausewitz’sche Theorie von einem sehr statischen Gesellschaftsbild ausging, welches die Wirklichkeit nur begrenzt abbildet. Lässt man gedanklich jedoch ein dynamisches Gesellschaftsbild zu, so hat dies für die Kriegstheorie eine wesentliche Implikation. Jedem Krieg ist demnach nämlich die Gefahr inhärent, dass die politische Einheit des Gegners verloren geht und in viele Einzelteile zerbricht. Je kleiner die moralische Bindungskraft des politischen Gemeinwesens ist und je mehr die politische Einheit schon vor dem Krieg von autonomen Gruppierungen unterwandert war, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit dieses Zerbrechens. Für die Theorie könnte daraus zu folgern sein, dass gegen instabile politische Gemeinwesen möglichst kein Krieg zu führen ist – da aber nach unserem Empfinden prinzipiell möglichst kein Krieg zu führen ist und ein Krieg doch kaum aus Freude, sondern aus einem Empfinden der Notwendigkeit heraus geführt wird, können wir diesen Schluss nicht ziehen. Wir müssen uns daher damit begnügen, dass das Risiko des Zerbrechens von vorneherein in das politische Kalkül mit einbezogen werden sollte, da es doch in den meisten Fällen sehr vorhersehbar zu sein scheint. Afghanistan, insbesondere aber Irak sind sehr aktuelle Beispiele dafür.  Andererseits ist aber für die Kriegstheorie zu folgern, dass wenn das Zerbrechen des Ganzen ausreicht, um den politischen Zweck zu erfüllen, die Strategie dies durch gezielte Gewaltakte durchaus bewirken kann und insofern darüber nachgedacht werden könnte, dies zu einem eigenen Kriegsziel neben dem Niederwerfen zu erheben.

 

Wenn aber das gegnerische politische Gemeinwesen plötzlich zerbricht und der eigene politische Zweck noch nicht erfüllt ist, so stellt sich die Frage, wie diese gegenwärtig durchaus relevante Situation im Rahmen der Kriegstheorie zu bewerten und zu behandeln ist. Ich komme darauf später zurück, zunächst soll aber der Gedanke des dynamischen Gesellschaftsbildes weiter verfolgt werden. Ist dieser nämlich einmal zugelassen, so stellt sich die Frage, ob Clausewitz die Bedeutung der Bevölkerung nicht systematisch unterschätzt hat.

 



[1]                 Siehe Kapitel II.4.

[2]                 Clausewitz, Kriege, S. 640.

[3]           Vgl. Vogel, Fehderecht, S. 11 ff.

[4]           Vgl. Herdegen, Völkerrecht, S. 68 ff.

[5]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 910 f.

[6]                 Siehe Kapitel IV.4.2.

 

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Kapitel VII.2 - Übersicht

  • VII.2.1 Das Fehlen eines dynamischen Gesellschaftsbildes bei Clausewitz

    1.1. Das Fehlen eines dynamischen Gesellschaftsbildes bei Clausewitz In der Clausewitz’schen Theorie ist der kriegerische Akt eine kollektive Gewalthandlung zwischen politischen Gemeinwesen.[1] Das eine Gemeinwesen versucht dem anderen seinen Willen aufzudrängen und vice versa. Ein politisches Gemeinwesen ist hauptsächlich dadurch definiert, dass es für die in ihm lebenden Personen die höchste moralische Autorität darstellt, unabhängig davon, ob diese z.B. durch eine Einzelperson, ein System oder eine Verfassung verkörpert wird. Dies gilt entweder unmittelbar oder mittelbar, d.h. es kann freilich auch eine Kette von moralischen Autoritäten unterschiedlicher Ordnungsgrade bestehen. Von einer höchsten moralischen Autorität sprechen wir aber nur dann, wenn sich diese Instanz keiner weiteren irdischen moralischen Gewalt unterordnet. Es ist also eine „philosophische Wahrheit“[2], dass sich die Menschheit eineindeutig in Read More
  • VII.2.2 Die Bedeutung der Bevölkerung

    1.1. Die Bedeutung der Bevölkerung Die Bevölkerung hat in der Clausewitz’schen Kriegstheorie einen durchaus nennenswerten Stellenwert. Sie nimmt die folgenden Rollen ein: Quell der Streitkräfte.[1] In diesem Sinne beeinflusst die absolute Größe der Bevölkerung auch die absolute Größe der Streitkräfte. Multiplikator des politischen Zwecks.[2] Je mehr sich die Bevölkerung für den politischen Zweck begeistert, desto größer wird seine Bedeutung, desto größer können also die Anstrengungen werden, welche das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen darf.[3] Alleiniger Faktor für Leidenschaft und Hass.[4] Je mehr die Bevölkerung kollektiv Feindschaft gegenüber dem Gegner entwickelt, desto größer werden die Anstrengungen, die das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen kann, ohne dass damit die Aussicht auf Verwirklichung eines konkreten Zwecks verbunden sein muss.[5] Streitkraft im Read More
  • VII.2.3 Die Folgen ungleicher Verhältnisse

    1.1. Die Folgen ungleicher Verhältnisse Ein Mittel, welches Clausewitz zur Verdeutlichung seiner deduktiven Beweisführungen vielfach nutzt, ist die Gleichstellung der Kriegsparteien. Indem er beide Akteuren unter „übrigens gleichen Umständen“[1] betrachtet, kann er pointiert einzelne Variablen verändern und somit logisch begründen, dass eine bestimmte Verhaltenstendenz erfolgversprechender ist als eine andere. Auf diesem Wege stellt er z.B. fest, dass unter ansonsten identischen Umständen und Verhältnissen derjenige, welcher mehr Kräfte aufbringt als der andere, im Vorteil sein muss. Aus solchen Überlegungen kann er in der Folge ableiten, dass grundsätzlich ein Mehr an Kräften eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit im Kriege herbeiführt.[2] Die Vorstellung identischer oder zumindest ähnlicher Umstände auf beiden Seiten ist jedoch nicht allein in der theoretischen Anschaulichkeit begründet, sondern hat einen konkreten Hintergrund Read More
  • VII.2.4 Bilanz: Streitkräfte als Mittel der Stabilisierung

    1.1. Bilanz: Streitkräfte als Mittel der Stabilisierung Oben wurde bereits das wundersame Phänomen angedeutet, welches die Militärtheoretiker und Strategen der heutigen westlichen Welt in Erklärungsnöte bringt und eine intellektuelle wie auch praktische Herausforderung darstellt. Ob in Afghanistan oder im Irak, um nur die beiden aktuell prominentesten Schauplätze zu nennen, stehen bzw. standen hochgerüstete, technologisch weit überlegene Streitkräfte der westlichen Welt nur rudimentär ausgebildeten, schlecht organisierten und bewaffneten Kämpfern gegenüber und konnten sich nicht durchsetzen bzw. vermochten es nicht, den gewaltsamen Konflikt zu den eigenen Bedingungen zu beenden. Schon allein die Frage, ob es sich bei diesen Konflikten um tatsächliche Kriege handelte oder ob es reine Stabilisierungsmaßnahmen waren, spaltet die Fachwelt und bleibt auch weiterhin der jeweiligen theoretischen Perspektive bzw. der Read More
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