1.1. Die Bedeutung der Bevölkerung

 

Die Bevölkerung hat in der Clausewitz’schen Kriegstheorie einen durchaus nennenswerten Stellenwert. Sie nimmt die folgenden Rollen ein:

 

  • Quell der Streitkräfte.[1] In diesem Sinne beeinflusst die absolute Größe der Bevölkerung auch die absolute Größe der Streitkräfte.

  • Multiplikator des politischen Zwecks.[2] Je mehr sich die Bevölkerung für den politischen Zweck begeistert, desto größer wird seine Bedeutung, desto größer können also die Anstrengungen werden, welche das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen darf.[3]

  • Alleiniger Faktor für Leidenschaft und Hass.[4] Je mehr die Bevölkerung kollektiv Feindschaft gegenüber dem Gegner entwickelt, desto größer werden die Anstrengungen, die das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen kann, ohne dass damit die Aussicht auf Verwirklichung eines konkreten Zwecks verbunden sein muss.[5]

  • Streitkraft im Rahmen der Volksbewaffnung.[6] Nach dem innerhalb dieser Arbeit vertretenen Begriffsverständnis handelt es sich hierbei jedoch nicht mehr um die Bevölkerung im engeren Sinne, d.h. um die am Krieg unbeteiligte Bevölkerung,[7] sondern um eine Streitkraft, die von dem Volksgeist beseelt ist.[8]

 

Es ist also festzustellen, dass Clausewitz der Bevölkerung durchaus eine Rolle zuzuweisen wusste und den Einfluss derselben insbesondere auf die Motive zum Krieg keineswegs gering schätzte. So ist es für ihn vor allem die Bevölkerung, welche durch emotionale Einbindung den Krieg zu seinem äußersten Erscheinungsbild treibt oder durch Passivität zu einer sehr begrenzten Kriegsführung gebietet. Auffällig ist jedoch, dass diese umfassende Bedeutung der Bevölkerung innerhalb der strategischen Dimension des Krieges keinerlei Entsprechung findet, dass es also keine Idee von strategischen Informationsaktivitäten gibt, welche die eigene oder gegnerische Bevölkerung beeinflussen. Nun muss Clausewitz zugutegehalten werden, dass dieses Thema in seiner Zeit von untergeordneter Bedeutung war. Verglichen mit den heutigen Möglichkeiten war die inhaltliche Steuerung und Lenkung von Informationen zwar in der Hinsicht leichter, dass der jeweilige Gegner keine technischen Möglichkeiten besaß, Botschaften über größere Entfernungen zu transportieren. Andererseits erschwerte aber das Fehlen von Massenmedien auch die Kommunikation der politischen Führung mit der eigenen oder gegnerischen Bevölkerung, so dass dies nur punktuell möglich war. Es ist also anzunehmen, dass sich Informationen zur damaligen Zeit hauptsächlich durch Mundpropaganda und in diesem Sinne zufällig verbreiteten. Für Clausewitz – so viel ist sicher – war die strategische Beeinflussung der eigenen Bevölkerung mittels Informationssteuerung jedenfalls kein Thema.

 

Heute befassen sich hingegen vielfältige Quellen mit dem Einfluss von Informationen auf das Kriegsgeschehen. Dies geht soweit, dass US-Strategen das  “Winning Hearts and Minds”[9] als ein strategisches Ziel betrachten, mit welchem sich ein Krieg gewinnen lassen könne. Unter Einbindung eines Clausewitz’schen Zitats schreibt ein US-Autor sogar:

 

“[Since French Revolution,] the course of war was no longer determined by a rational calculus of interests of elite rulers but by the prejudices and emotions of everyday people, as evidenced in the US Civil War, two world wars, the Cold War, and numerous ethnic conflicts and acts of terrorism. It has become an accepted principal that to win a modern war – or any other conflict, for that matter, since ‘war is merely the continuation of politics by other means’ – one must win what has been called ‘hearts and minds’.”[10]

 

In diese Diskussion um die Bedeutung von Bevölkerung und Informationen mischen sich oftmals Absichten, den Krieg humaner und in seiner inneren Zielsetzung positivistischer darzustellen. Keines dieser im Zitat genannten Kriegsbeispiele – dies muss sofort richtig gestellt werden – wurde durch die Zustimmung, die Sympathie  oder die Wohlgesonnenheit der Bevölkerung entschieden. Versuchen wir aber von dem von Clausewitz gelehrten, abstrakten Standpunkt aus Licht in das Halbdunkel der Diskussion zu bringen.

 

Zunächst muss zwischen der Bedeutung von Informationen und der Meinung der Bevölkerung unterschieden werden. Informationen sind prinzipiell von einer umfassenden Bedeutung, denn keine Handlung lässt sich von ihrer Wirkung auf das Informationsumfeld trennen. Denken wir uns den Ausgang einer Schlacht, so sind damit zwei Wirkungen verbunden: zum einen die unmittelbare Wirkung auf das physische Kräfte- bzw. Machtverhältnis der beiden Akteure, zum andern die Wirkung der Nachricht einer verlorenen oder gewonnenen Schlacht auf die übrigen, nicht unmittelbar beteiligten Personen, seien es andere Streitkräfte, der Feldherr, die politischen Entscheidungsträger oder auch die Bevölkerung. Clausewitz nannte dies die moralische Wirkung eines Sieges bzw. einer Niederlage und hat sie in Bezug auf die Streitkräfte näher untersucht.[11] Indem die moralische Wirkung eines Gefechts hauptsächlich diejenigen trifft und beeinflusst, die im Gefecht zumindest nicht unmittelbar beteiligt waren und indem Clausewitz dieser Wirkung die entscheidende Bedeutung zumisst,[12]  bestätigt er die heutige Sicht einer überragenden Bedeutung des Informationsumfeldes. Die Wirkungen, welche von Informationen ausgehen, sind also in der Regel bedeutsamer als die Ereignisse, welche dieselben auslösen, allein schon weil der „Wirkungskreis“[13] von Informationen viel größer ist als die Reichweite von Waffen.[14] Lassen sich nun mit technischen Mitteln Informationen gezielt verfälschen, eindämmen, verstärken oder abmildern, so muss die praktische Kriegsführung dies zweifellos unternehmen, um nicht in den Nachteil geraten. Diese Ansicht lässt sich ohne inneren Bruch aus der Clausewitz’schen Kriegstheorie ableiten, auch wenn Clausewitz diese Überlegungen aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten seiner Zeit fremd sein musste. Dass ferner die physischen Handlungen so durch die Strategie bestimmt werden sollen, dass ihre moralischen Auswirkungen das strategische Ziel treffen, ist keine neue Erfindung, sondern das Grundkonzept der Clausewitz’schen Theorie.

 

In Bezug auf das Informationsumfeld lässt sich also folgern, dass a) Clausewitz dessen Bedeutung vollumfänglich erkannt und berücksichtigt hat, dass demnach b) die praktischen Handlungen nach ihrer Wirkung im Informationsumfeld bewertet und bestimmt werden müssen und dass c) von technischen Möglichkeiten Gebrauch gemacht werden sollte, um für die eigene Operationsführung positive Effekte im Informationsumfeld zu verstärken sowie negative abzumildern. Inwiefern moderne technische Kommunikationsmittel nun tatsächlich geeignet sind, Informationen nachhaltig und gezielt zu beeinflussen, inwieweit nicht die gegenseitige Fähigkeit dazu die Wirkung aufhebt und schließlich alles wieder darauf zurück führt, dass eine physische Wirkung sich im Informationsumfeld nach einem schwer kalkulierbaren Zufallsprinzip verbreitet, schließlich aber doch immer auf eine physische Handlung zurückzuführen ist, dass soll hier nicht weiter untersucht werden. Der Autor jedenfalls ist davon überzeugt, dass bedeutsame Wirkungen im Informationsumfeld auch stets auf bedeutsame physische Handlungen zurückzuführen sind und dass also die Bedeutung von Informationsaktivitäten im Sinne einer gezielten Beeinflussung des Informationsumfeldes sehr überschätzt wird, zumindest sofern die Fähigkeit dazu beidseitig vorhanden ist. Nur wenn eine Seite die relative Hoheit über Informationen hat, kann dies zu einem Vorteil werden und entsprechende physische Effekte ersetzen bzw. spürbar ergänzen.

 

Damit haben wir die eigentliche Differenz zwischen heutigen Informationsstrategen und der Clausewitz’schen Kriegstheorie noch nicht berührt. Für Clausewitz galt, dass je größer die physische Wirkung, d.h. je größer die vernichtete Streitkraft, desto größer tendenziell der Wirkungskreis des Sieges bzw. in moderner Sprache die Wirkung im Informationsumfeld.[15] Moderne Informationsstrategen argumentieren hingegen genau andersherum und sagen, dass es zu einer großen Wirkung im Informationsumfeld nicht zwingend einer großen physischen Wirkung bedarf und erkennen darin mitunter Gegensätze. Demnach wirkt sich die Anwendung der Gewalt sogar negativ auf das Informationsumfeld aus und dies umso mehr, je rücksichtsloser und brutaler sie ist. Entsprechend wird die Anwendung der Gewalt und das Wirken im Informationsumfeld als Gegensatz verstanden. Dies wird von der Annahme begleitet, dass besonders umfassende, große Konflikte faktische gewaltsam ausgetragen und über die Anwendung der Gewalt entschieden werden, wohingegen weniger bedeutsame, kleine Konflikte über die Wirkungen im Informationsumfeld ausgefochten werden.[16] Aber auch wenn dieser moderne Ansatz im ersten Augenblick nachvollziehbar erscheint, unterliegt er doch einem fundamentalen begrifflichen Irrtum. Wie oben gezeigt wurde, entscheiden sich auch zum äußersten tendierende gewaltsame Kriege aufgrund der Wirkungen von physischen Handlungen im Informationsumfeld. Physische und moralische Wirkungen lassen sich also nicht voneinander trennen und insofern auch nicht gegenüberstellen. Was Informationsstrategen eigentlich meinen ist, dass in sehr umfassenden Konflikten eine andere Wirkung im Informationsumfeld notwendig ist als in den begrenzten oder, anders ausgedrückt, dass je nach Umfang des Konflikts unterschiedliche physische Handlungen angemessen sind.

 

Der eigentliche Kern des Widerspruchs zwischen Clausewitz und den Informationsstrategen ist somit nicht die Bedeutung des Informationsumfeldes überhaupt, sondern die Frage, welche Wirkungen bei welchen Adressaten erzielt werden müssen, um einen Krieg zu entscheiden. Nach der hier vorgelegten Interpretation suchte Clausewitz die moralische Wirkung entweder a) gegen die feindlichen Streitkräfte, wenn das strategische Ziel die gegnerische Wehrlosigkeit ist oder b) gegen den Feldherrn, wenn das strategische Ziel die Aussichtslosigkeit ist oder c) gegen die politischen Entscheidungsträger, wenn das Ziel die Unverhältnismäßigkeit ist. Die Informationsstrategen aus dem US-dominierten Raum bezwecken hingegen in erster Linie eines: das Überzeugen der gegnerischen Bevölkerung von der eigenen Sache.[17] Es handelt sich also um einen bevölkerungszentrierten Ansatz, wohingegen für Clausewitz die Bevölkerung als Adressat der moralischen Wirkungen im Krieg kaum eine Rolle gespielt hat.

 

Der bevölkerungszentrierte Ansatz rückt a) die Frage nach der Gerechtigkeit und der Legitimation des Krieges in das Zentrum seiner Überlegungen und führt somit die subjektiv-normative Unterscheidung zwischen gut und böse ein und betrachtet b) die Bevölkerung nicht als Teil des feindlichen Ganzen, sondern als potentiell unbeteiligte und unparteiische Größe, wobei sie nichtsdestotrotz im Sinne der Clausewitz’schen Theorie als die Quelle der feindlichen Streitkräfte begriffen wird. Würde nun, so das Rational, die Bevölkerung die eigene Absicht als gerecht, die feindliche als ungerecht bewerten, wo würde sie als Quelle für feindlichen Streitkräfte versiegen, da sie zu einer weiteren Unterstützung der gegnerischen Streitkräfte nicht bereit wäre. Auf diesem Wege würde ferner der Widerstand der gegnerischen Streitkräfte austrocknen und erlahmen.

 

Der Clausewitz’schen Theorie ist ein solcher Gedanke zunächst fremd, da sie von einem statisch-totalitären Gesellschaftsbild ausgeht. Ist das politische Gemeinwesen ein Ganzes und hat die normative Deutungshoheit über richtig und falsch, Recht und Unrecht in absoluter Form inne, so führt dies den Versuch, die gegnerische Bevölkerung von der Richtigkeit der eigenen Absicht zu überzeugen, ad absurdum. Wie von einem kleinen Kind nicht erwartet werden kann, eine Gefängnisstrafe des Vaters als Recht zu begreifen, weil der Vater nämlich derjenige ist, der Recht definiert, so ist auch der Bürger eines totalen politischen Gemeinwesens nicht in der Lage, das Unrecht des eigenen politischen Gemeinwesens zu erkennen, weil eben dies die Deutungshoheit über Recht und Unrecht inne hat.

 

Dieses totalitäre Bild ist aber nur ein gelegentlich verwendetes, theoretisches Modell, um den Begriff des Krieges deutlicher herausstellen zu können. Tatsächlich wusste Clausewitz, dass politische Gemeinwesen unterschiedlich konstituiert sind und die moralische Gewalt, welche das politische Gemeinwesen über die einzelnen Teile ausübt, größer oder kleiner sein kann. Daraus folgt, dass der Zusammenhalt bzw. das Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen Teile größer oder kleiner sein kann und dass mit diesem größer oder kleiner auch die Leidenschaft bzw. der Hass des Einzelnen für die gemeinsame Sache  bzw. gegen den gemeinsamen Feind größer oder kleiner wird. Richtigerweise muss also gesagt werden, dass je kleiner der Zusammenhalt des politischen Gemeinwesens ist, desto wahrscheinlicher muss auch die Möglichkeit bestehen, die einzelnen Bevölkerungsteile vom Unrecht des Krieges zu überzeugen.

 

Problematisch ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Bevölkerung in der Clausewitz’schen Theorie lediglich als Multiplikator, nicht aber als Entscheidungsträger auftritt. Die Bevölkerung bestimmt somit nur insofern über den Krieg, wie sie leidenschaftlich für ihn entbrennt. Ist aber diese Leidenschaft von vorneherein nicht vorhanden, so gewährt ihr die Clausewitz’sche Kriegstheorie auch keinen Einfluss, sondern bewertet sie als passiven Faktor. Gelingt es also, eine vom Krieg sowieso nicht sonderlich begeistere Bevölkerung von dessen Unrecht zu überzeugen, so ist nichts gewonnen, weil diese unbegeisterte Masse von vorneherein keinen Einfluss auf die Gestalt des Krieges genommen hatte. Vor diesem Hintergrund kann eine Beeinflussung der Bevölkerungsstimmung nur insofern sinnvoll sein, als dass wir uns die Bevölkerung als Anteil des systemischen Entscheidungsprozesses innerhalb des politischen Gemeinwesens vorstellen. Je mehr also die politischen Entscheidungsträger von der Zustimmung der Bevölkerung abhängen, desto mehr kann eine Einflussnahme auf die Bevölkerung sinnvoll sein und auf die Bereitschaft des Ganzen zum Krieg Auswirkungen haben. Dass aber ein politisches Gemeinwesen derart konstituiert ist und dabei einen Krieg führt, ohne dass die Bevölkerung dafür leidenschaftlich entbrennt, muss schon auf ganz besondere Sachzwänge zurückzuführen sein, denen sich niemand entziehen kann oder es muss als eine Anomalie betrachtet werden.

 

Unter der Prämisse des statischen Gesellschaftsbildes erscheint also die Einflussnahme auf die Bevölkerung wenig sinnvoll. Oben wurde jedoch festgestellt, dass sich an dieser Stelle eine strukturelle Schwäche in der Clausewitz’schen Theorie befindet, da das politische Gemeinwesen kein statisches Gebilde ist, sondern eine Dynamik aufweist und in sich selbst nicht zwingend konsistent sein muss. Es können also einzelne Teile aus dem System des Ganzen abfallen und entweder selbst zu eigenständigen politischen Gemeinwesen werden oder sich einem anderen politischen Gemeinwesen unterordnen. Diese Erkenntnis stellt auch die Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Bevölkerung in ein anderes Licht. Betrachten wir nämlich ein bereits instabiles politisches Gemeinwesen mit wenig Zusammenhalt, Tendenzen zur Segregation und dem Potential zur Sezession, so kann eine gezielte (Informations-) Wirkung auf die Bevölkerung diese Tendenzen massiv verstärken, so den Zusammenhalt weiter auflösen und die Bevölkerung, auf welche die feindliche Streitkraft als Quelle zurückgreifen kann, nachhaltig verkleinern. Damit ist verständlicher und logisch konsistent hergeleitet, was moderne Informationsstrategen meinen sollten, wenn sie lapidar von dem Gewinnen der Herzen und des Verstandes der Bevölkerung sprechen. Sie meinen das, was Clausewitz das Verführen zur „Rebellion“[18] nennt.

 

Aus dieser Perspektive wird auch ersichtlich, dass die Legitimation bzw. die Gerechtigkeit des Krieges in diesem Zusammenhang kaum eine Rolle spielen kann. Das politische Gemeinwesen erzielt den inneren Zusammenhalt bzw. die Gefolgschaft der einzelnen Individuen bzw. Gruppierungen durch eine Mischung aus a) moralischer Gewalt, b) physischer Gewalt und c) Konsens bzw. Handel.[19] Soll nun der gegnerische Zusammenhalt partiell aufgelöst werden, so muss der Schwerpunkt dieses Zusammenhalts erkannt und gegen diesen gewirkt werden. Das heißt im Einzelnen:

 

  • Basiert der gegnerischen Zusammenhalt in der Hauptsache auf moralischer Gewalt, so handelt es sich um einen hoch stabilen Zusammenhalt und die Möglichkeit, diesen im Rahmen eines Krieges zu zerstören, muss als sehr gering betrachtet werden. Hier wäre der Gegner von der Gerechtigkeit der eigenen Absicht und dem Unrecht und der Illegitimität des eigenen politischen Gemeinwesens zu überzeugen. Dass dies im Kontext eines Krieges gelingen kann, muss bezweifelt werden.

  • Basiert der gegnerische Zusammenhalt im Wesentlichen auf physischem Zwang, werden die einzelnen Individuen bzw. kollektiven Gruppierungen gewaltsam unterdrückt bzw. erpresst, so kann dieser Zusammenhalt logischerweise nur gebrochen werden, indem a) die schon rebellionsbereite Bevölkerung heimlich bewaffnet und angeführt wird oder b) indem das entsprechende Land in Besitz genommen und dem gegnerischen politischen Gemeinwesen der physische Zugriff auf den entsprechenden Bevölkerungsteil somit verwehrt wird. Allein mit der Inbesitznahme von Land ist es jedoch nicht getan, denn der Zusammenhalt des politischen Gemeinwesens besteht fort, sofern die Bevölkerung weiterhin Furcht vor entsprechenden Gewaltakten und physischen Zwangsmitteln hat. Erst wenn die Bevölkerung den Eindruck hat, nachhaltig vor Übergriffen seitens des gegnerischen politischen Gemeinwesens geschützt zu werden, kann sie sich aus dem physischen Zwang befreien und von dem politischen Gemeinwesen abspalten. Die Bevölkerung vor einem verdeckt operierenden Gegner zu schützen ist jedoch wahrlich nicht leicht, wie sich in Afghanistan und dem Irak zeigt bzw. gezeigt hat.

  • Basiert der gegnerische Zusammenhalt im Kern auf Konsens bzw. Handel, so liegt eine moralisch ungebundene Gesellschaft vor, in welcher jedes Individuum bzw. jede kollektive Gruppierungen nach individueller Nutzenoptimierung  strebt, ohne sich mit dem Ganzen faktisch zu identifizieren. Der Zusammenhalt kann also vor allem dadurch gestört werden, dass das Nutzenkalkül nachhaltig verändert wird entweder indem a) ein besseres Geschäftsmodell aufgezeigt und angeboten wird, indem also ein höherer Nutzen im Falle einer Rebellion in Aussicht gestellt wird oder indem b) das bestehende Modell in ein Ungleichgewicht gebracht wird, indem also dass bisherige Nutzenkalkül zerstört wird. Die Möglichkeit a) scheint dem Krieg tendenziell fern zu liegen und eher der Friedenspolitik anzugehören, wir können es uns aber als ein begleitendes Mittel vorstellen, indem z.B. mittels Bestechung eine Rebellion angezettelt wird, um den Gegner zu schwächen bzw. seine Streitkräfte zu binden. B) kann insbesondere dadurch verwirklicht werden, dass die gegnerische Bevölkerung in ihrem Wohlstand oder in ihrer persönlichen Sicherheit gefährdet wird. Indem gezielte Gewaltübergriffe gegen die Bevölkerung oder ihre Güter durchgeführt werden, kann bei Teilen der Bevölkerung der Eindruck entstehen, dass das eigene politische Gemeinwesen nicht mehr in der Lage ist, für Sicherheit bzw. Wohlfahrt zu sorgen. Die Folge ist ein Aufbegehren und entweder der Anschluss an ein stärkeres politisches Gemeinwesen, welches hinreichenden Schutz bietet oder aber die Selbstbewaffnung und Unabhängigkeit.

 

Mit diesen Überlegungen glaube ich, eine wichtige Richtung aufgezeigt zu haben, in welche an anderer Stelle empirisch weiter geforscht werden sollte. Offensichtlich wurde hier der Ort im Rahmen der Clausewitz’schen Theorie aufgezeigt, an welchem sowohl Terrorismus, Guerilla- und Partisanenkampf sowie deren Pendants Counterinsurgency bzw. Aufstands- und Bandenbekämpfung in die Idee des Krieges eingeordnet werden könnten. Mir scheinen sich hier neue Zusammenhänge zu erschließen, welche die Erscheinungen der wirklichen Welt in einen Zusammenhang zum theoretischen Ganzen setzen und das vielfache Scheitern und das seltene Gelingen in der realen Welt erklären.

 

Gleichwohl ist zu bezweifeln, dass das Gewinnen von Herz und Verstand oder – im Clausewitz’schen Duktus – die Verführung zur Rebellion[20] als ein Ziel im Krieg bzw. überhaupt als ein Element der Kriegstheorie bezeichnet werden könnte. Es scheint mir vielmehr so zu sein, dass die Rebellion eine ganz eigenständige Folge bzw. ein separater Prozess ist, der getrennt vom Krieg betrachtet werden muss, auch wenn dieser der Auslöser dazu ist. Im einzelnen greifen folgenden Zusammenhänge, welche die Rebellion von Bevölkerungsteilen im Krieg erklären:

 

  • Die Ursachen der Rebellion kann außerhalb des Krieges liegen, d.h. die Bereitschaft war schon vorher da, nur stellt die aus dem Krieg resultierende Schwäche des politischen Gemeinwesens eine besonders günstige Situation dar, welche es seitens der Rebellen auszunutzen gilt. Der rebellierende Bevölkerungsteil ist dann für die andere Kriegspartei nichts anderes als ein Bündnispartner, der die Gunst des Augenblicks nutzt, um den Gegner im Zuge des Krieges anzugreifen und damit eigene Ziele zu verfolgen.

  • Die Ursache der Rebellion kann darin liegen, dass das politische Gemeinwesen die mit dem Krieg einhergehenden allgemeinen Schäden gegenüber der Bevölkerung nicht auszugleichen weiß, d.h. die politische Führung hat sich im Sinne der Zweckmäßigkeit des Krieges verkalkuliert. Es ist dann also der Zustand des zu hohen Preises für den Sieg eingetreten, nur dass die Bevölkerung diesen Schluss schneller oder konsequenter zieht also ihre Regierung.

  • Die Ursache der Rebellion kann darin liegen, dass die Bevölkerung den Glauben an einen Sieg verloren hat und darum die Furcht vor dem eigenen politischen Gemeinwesen verloren hat (wenn der Zusammenhalt auf physischer Gewalt beruht) oder die Entbehrungen durch den Krieg nicht länger zu tragen bereit ist (wenn der Zusammenhalt auf Konsens und Handel beruht). In beiden Fällen ist es hier die Aussichtslosigkeit, welche zur Rebellion führt, nur dass die Bevölkerung diesen Schluss schneller oder konsequenter zieht als der entsprechende Feldherr.

 

In all diesen Fällen ist die Rebellion auf kriegerische Handlungen zurückzuführen, die bereits von der Theorie des Krieges erfasst und eingeordnet wurden. Eine Einführung im Sinne der eigenständigen Zielsetzung ist in diesem Zusammenhang also wenig sinnvoll, denn die kriegerische Gewalt hat sich hierdurch nicht verändert, es ist lediglich eine weitere Wirkungsmöglichkeit hinzugekommen, die von der subjektiven Wahrnehmung der Bevölkerung abhängt.

 

Die Wirkung der Rebellion muss dabei außerordentlich kritisch bewertet werden. Zwar führt sie unweigerlich zu einer Schwächung des Gegners und damit zu einer höheren Wahrscheinlichkeit des Sieges, doch ist die rebellische Bevölkerung darum nicht automatisch eher dazu geneigt, dem Sieger den Willen zu erfüllen, wegen welchem er den Krieg geführt hat. Es ist also erneut festzustellen, dass durch Rebellion das politische Umfeld komplexer und in diesem Sinne die Durchsetzung des eigenen Willen schwieriger wird.

 

 

 



[1]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 198.

[2]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 200 f.

[3]                 Siehe Kapitel IV.4.1.

[4]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 213.

[5]                 Siehe Kapitel IV.4.2.

[6]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 799 ff.

[7]                 Siehe Kapitel II.5.3.

[8]           Siehe Kapitel VI.2.3.

[9]                 Pratkanis, Hearts, S. 57.

[10]               Pratkanis, Hearts, S. 57.

[11]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 460 f; S. 356 f.

[12]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 460 ff.

[13]               Clausewitz, Kriege, S. 809.

[14]               Vgl. Darley, Theory, S. 73 ff.

[15]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 808 f.

[16]               Vgl. Darley, Theory, S. 73 ff.

[17]               Vgl. Pratkanis, Hearts, S. 57 ff.

[18]          Clausewitz, Kriege, S.

[19]          Siehe Kapitel II.4.

[20]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 910.

 

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Kapitel VII.2 - Übersicht

  • VII.2.1 Das Fehlen eines dynamischen Gesellschaftsbildes bei Clausewitz

    1.1. Das Fehlen eines dynamischen Gesellschaftsbildes bei Clausewitz In der Clausewitz’schen Theorie ist der kriegerische Akt eine kollektive Gewalthandlung zwischen politischen Gemeinwesen.[1] Das eine Gemeinwesen versucht dem anderen seinen Willen aufzudrängen und vice versa. Ein politisches Gemeinwesen ist hauptsächlich dadurch definiert, dass es für die in ihm lebenden Personen die höchste moralische Autorität darstellt, unabhängig davon, ob diese z.B. durch eine Einzelperson, ein System oder eine Verfassung verkörpert wird. Dies gilt entweder unmittelbar oder mittelbar, d.h. es kann freilich auch eine Kette von moralischen Autoritäten unterschiedlicher Ordnungsgrade bestehen. Von einer höchsten moralischen Autorität sprechen wir aber nur dann, wenn sich diese Instanz keiner weiteren irdischen moralischen Gewalt unterordnet. Es ist also eine „philosophische Wahrheit“[2], dass sich die Menschheit eineindeutig in Read More
  • VII.2.2 Die Bedeutung der Bevölkerung

    1.1. Die Bedeutung der Bevölkerung Die Bevölkerung hat in der Clausewitz’schen Kriegstheorie einen durchaus nennenswerten Stellenwert. Sie nimmt die folgenden Rollen ein: Quell der Streitkräfte.[1] In diesem Sinne beeinflusst die absolute Größe der Bevölkerung auch die absolute Größe der Streitkräfte. Multiplikator des politischen Zwecks.[2] Je mehr sich die Bevölkerung für den politischen Zweck begeistert, desto größer wird seine Bedeutung, desto größer können also die Anstrengungen werden, welche das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen darf.[3] Alleiniger Faktor für Leidenschaft und Hass.[4] Je mehr die Bevölkerung kollektiv Feindschaft gegenüber dem Gegner entwickelt, desto größer werden die Anstrengungen, die das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen kann, ohne dass damit die Aussicht auf Verwirklichung eines konkreten Zwecks verbunden sein muss.[5] Streitkraft im Read More
  • VII.2.3 Die Folgen ungleicher Verhältnisse

    1.1. Die Folgen ungleicher Verhältnisse Ein Mittel, welches Clausewitz zur Verdeutlichung seiner deduktiven Beweisführungen vielfach nutzt, ist die Gleichstellung der Kriegsparteien. Indem er beide Akteuren unter „übrigens gleichen Umständen“[1] betrachtet, kann er pointiert einzelne Variablen verändern und somit logisch begründen, dass eine bestimmte Verhaltenstendenz erfolgversprechender ist als eine andere. Auf diesem Wege stellt er z.B. fest, dass unter ansonsten identischen Umständen und Verhältnissen derjenige, welcher mehr Kräfte aufbringt als der andere, im Vorteil sein muss. Aus solchen Überlegungen kann er in der Folge ableiten, dass grundsätzlich ein Mehr an Kräften eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit im Kriege herbeiführt.[2] Die Vorstellung identischer oder zumindest ähnlicher Umstände auf beiden Seiten ist jedoch nicht allein in der theoretischen Anschaulichkeit begründet, sondern hat einen konkreten Hintergrund Read More
  • VII.2.4 Bilanz: Streitkräfte als Mittel der Stabilisierung

    1.1. Bilanz: Streitkräfte als Mittel der Stabilisierung Oben wurde bereits das wundersame Phänomen angedeutet, welches die Militärtheoretiker und Strategen der heutigen westlichen Welt in Erklärungsnöte bringt und eine intellektuelle wie auch praktische Herausforderung darstellt. Ob in Afghanistan oder im Irak, um nur die beiden aktuell prominentesten Schauplätze zu nennen, stehen bzw. standen hochgerüstete, technologisch weit überlegene Streitkräfte der westlichen Welt nur rudimentär ausgebildeten, schlecht organisierten und bewaffneten Kämpfern gegenüber und konnten sich nicht durchsetzen bzw. vermochten es nicht, den gewaltsamen Konflikt zu den eigenen Bedingungen zu beenden. Schon allein die Frage, ob es sich bei diesen Konflikten um tatsächliche Kriege handelte oder ob es reine Stabilisierungsmaßnahmen waren, spaltet die Fachwelt und bleibt auch weiterhin der jeweiligen theoretischen Perspektive bzw. der Read More
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