1.1. Die Folgen ungleicher Verhältnisse

 

Ein Mittel, welches Clausewitz zur Verdeutlichung seiner deduktiven Beweisführungen vielfach nutzt, ist die Gleichstellung der Kriegsparteien. Indem er beide Akteuren unter „übrigens gleichen Umständen“[1] betrachtet, kann er pointiert einzelne Variablen verändern und somit logisch begründen, dass eine bestimmte Verhaltenstendenz erfolgversprechender ist als eine andere. Auf diesem Wege stellt er z.B. fest, dass unter ansonsten identischen Umständen und Verhältnissen derjenige, welcher mehr Kräfte aufbringt als der andere, im Vorteil sein muss. Aus solchen Überlegungen kann er in der Folge ableiten, dass grundsätzlich ein Mehr an Kräften eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit im Kriege herbeiführt.[2]

 

Die Vorstellung identischer oder zumindest ähnlicher Umstände auf beiden Seiten ist jedoch nicht allein in der theoretischen Anschaulichkeit begründet, sondern hat einen konkreten Hintergrund in den Verhältnissen der Clausewitz’schen Zeit, in welcher die sich in Kriegen gegenüberstehenden Heere relativ gleich und identisch ausgeprägt waren.[3] Clausewitz hat seine gesamte Theorie also in der Vorstellung ausgesprochen ähnlicher Verhältnisse auf beiden Seiten verfasst. Diese Gleichheit beider Kontrahenten kann jedoch bei der Betrachtung der Mehrzahl heutiger Konflikte nicht aufrecht erhalten werden. Es stellt sich also grundsätzlich die Frage, ob die Ungleichheit von Verhältnissen die Überlegungen Clausewitz‘ obsolet macht und inwiefern sie zu Modifikationen in dem bisher gesagten führen muss. Da Clausewitz uns aber mit seiner Theorie vordergründig ein System an die Hand gab, so müssen wir zuvorderst fragen, wie sich eine mögliche Ungleichheit der Verhältnisse im Rahmen dieses Systems auswirkt und in einem zweiten Schritt bewerten, ob sich die Erscheinungen moderner Konflikte hierdurch besser erklären und verstehen lassen.

 

Die heutige Konfliktforschung befasst sich sehr intensiv mit dem Thema der Asymmetrie. Für diesen Begriff gibt es unterschiedlichste Definitions- und Beschreibungsvarianten, die aufzuzählen wenig hilfreich wäre.[4] Ebenso gibt es unzählige andere Begriffe, die eigentlich ein ähnliches Phänomen aber mit unterschiedlicher Konnotation umschreiben, wie z.B. Kleinkrieg, neuer Krieg, Partisanenkampf, Guerilla oder Terrorismus, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Sie alle umschreiben – teils ohne es zu benennen – mehr oder weniger das merkwürdige Phänomen, dass finanziell und technologisch scheinbar weit überlegene Akteure mit langjährig professionell ausgebildeten, bestausgerüsteten, in langen Traditionslinien stehenden Soldaten nicht in der Lage sind, sich gegen schlecht organisierte, mit einfachen Mitteln bewaffnete, nur rudimentär ausgebildete Kämpfer nachhaltig zu behaupten bzw. durchzusetzen. Über dieses Phänomen gibt es eine schier unüberschaubare Anzahl von Werken, die mehrheitlich die unmittelbar sichtbaren Handlungen der Akteure nur an der Oberfläche ankratzend beschreiben, ohne aber nach den eigentlichen Sachzusammenhängen zu fragen. Indem von vorneherein der Begriff der Asymmetrie im Raum steht, ist es dann auch vordergründig die Andersartigkeit, auf welche die jeweils beobachteten Phänomene zurückgeführt werden.

 

Der Begriff der Asymmetrie ist schon allein deshalb diffus, weil er in verschiedensten Varianten verwendet wird. „Asymmetrische Kriegführung“[5], „Asymmetrische Bedrohungen“[6], „Asymmetrische Strategien“[7], „Asymmetrische Konflikte“[8] und „Asymmetrische Mittel“[9], um nur einige wenige Ausprägungen des Begriffs zu nennen. Es fehlt also an einem gemeinsamen Verständnis, auf welchen konkreten Gegenstand sich die Asymmetrie gemeinhin beziehen soll oder anders ausgedrückt, die moderne Konfliktforschung ist nicht hinreichend differenzierend, um den komplexen Gegenstand Krieg sachgerecht zu analysieren. Allerdings lässt sich ein gewisser Schwerpunkt bei fundiert analytischen Konfliktforschern feststellen, welcher den Begriff der Asymmetrie konkretisiert und auf die qualitative Andersartigkeit der Kriegsmittel, d.h. der Streitkräfte, zurückführt. Demnach geht es nicht nur um eine beliebige Ungleichheit beider Parteien, sondern um eine konkret qualitative Andersartigkeit der Streitkräfte.[10] In einem herkömmlich symmetrischen Szenar muss der eine Akteur seine Kräfte elementar so aufstellen wie der andere. Verfügt der eine also über Flugzeuge, Panzer, Geschütze usw., so muss der andere dies auch tun. Hintergrund ist „eine Art Polarität: Die Wirkung der Luftwaffe wird vor allem durch die feindliche Luftwaffe eingeschränkt,  die Wirkung von Panzern vor allem durch feindliche Panzer und so weiter.“[11] So war es auch in der Clausewitz’schen Betrachtung, der allerdings seiner Zeit entsprechend nur zwischen Fußvolk, Reiterei und Artillerie unterschied.[12] Würde nun also eine Partei auf ein Element bzw. eine Waffengattung verzichten, so könnte sich dieses Element der anderen Partei frei entfalten und der andere wäre somit in einem signifikanten Vorteil. In diesem Falle würde dann von einem asymmetrischen Konflikt gesprochen.[13]

 

Allen analytischen Ansätzen zur Asymmetrie ist jedoch gemein, dass sie zwar eine mehr oder weniger treffende Beschreibung der gegenwärtigen Konflikte abliefern, dass sie aber die doch eigentlich bewegende Frage nicht beantworten können, warum der vermeintlich schwächere, sich den einfachsten Mitteln bedienende Akteur so viel Widerstand liefern kann und nicht durch die qualitativ und oftmals auch quantitativ weit überlegene Kriegsmaschinerie schlicht vernichtet wird. Dies aber muss als das eigentlich Faszinierende an dem Phänomen verstanden werden, denn allein die Beschreibung von einer Asymmetrie ist mit keiner nennenswerten Erkenntnis verbunden. Der oftmals angeführte Erklärungsversuch, der vermeintlich schwächere Akteur könnte sich, da er nicht an Völkerrecht und militärische Regularien gebunden sei, hinterhältigeren und somit wirksameren Mitteln bedienen, muss in diesem Zusammenhang gleich zu Beginn verworfen werden. Zum einen könnte sich auch der überlegene Akteur aller Mittel bedienen, die dem Unterlegenen zur Verfügung stehen. Tut er dies nicht, so muss er dazu gute Gründe haben oder aber er macht im Sinne der Clausewitz’schen Theorie einen Fehler, da er sich unzweckmäßig verhält. Vor allem aber ist zu bezweifeln, dass so genannte irreguläre Gewaltakte in irgendeiner Hinsicht effektiver oder gar „perfider und feiger“[14] seien als die Gewaltanwendungen regulärer Kräfte. Einen Selbstmordanschlag als feige darzustellen, Bomberpiloten aber Tapferkeit zu attestieren, ist schon eine durchaus bemerkenswerte Verzerrung ethischer Wahrnehmung. Vor allem aber ist der Einsatz der sogenannten asymmetrischen Mittel, seien es improvisierte Sprengsätze, Selbstmordanschläge oder Hinterhalte, um ein vielfaches weniger effektiv als die durch Panzer, Bomben, Artilleriegeschosse usw. potenzierte Vernichtungsgewalt militärischer Mittel. Wenn wir finden, dass die Wirkung der sogenannten asymmetrischen oder irregulären Gewalt eine viel größere ist, so liegt dies nicht an der Effizienz dieser Gewalt selbst, sondern an der Empfindsamkeit der Adressaten.

 

Versuchen wir uns sowohl von dem belasteten Begriff der Asymmetrie als auch von dem konkreten Fall zu lösen, die Dinge in Clausewitz’scher Art zu abstrahieren und uns dem Begriff und den Folgen von ungleichen Verhältnissen anzunähern.

 

 Politische Dimension

 

Im Rahmen der politischen Dimension können die Verhältnisse der politischen Gemeinwesen zweifelsfrei höchst unterschiedlich sein. Unterschiedliche Konstitutionen, unterschiedliche, innerhalb des politischen Gemeinwesens allgemeingültige Werte- und Normenvorstellungen, unterschiedliche Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse, der unterschiedliche, subjektiv wahrgenommene Wert des Lebens und eine verschiedenartige Hingabe und Opferbereitschaft des Einzelnen zum Ganzen sind nur wenige der vielen Punkte, welche die Differenzen zwischen verschiedenartigen politischen Gemeinwesen beschreiben und zweifellos erhebliche Auswirkungen auf die konkrete Gestalt des Krieges haben können. Allein, sie allesamt sind für den Geist des Krieges bzw. für die zweckrationale Clausewitz’sche Theorie von eingeschränkter Bedeutung, denn sie spielen nur in dem Sinne eine Rolle, als dass sie die konkrete Gestalt, nicht aber das Wesen des Krieges verändern. Es ist zwar richtig, dass der Akteur seinen Gegner analysieren, Stärken und Schwächen erkennen und ausnutzen bzw. neutralisieren soll. Wenn er jedoch auf eine bestimmte Methode verzichtet, weil er sie als irregulär, illegitim usw. betrachtet, dadurch aber in einen Nachteil gerät, so ist dies zwar in seinem politischen Wesen begründet, nicht aber in der Theorie des Krieges, da es im konkreten Fall unzweckmäßig und somit wider den Geist des Krieges ist.

 

Die Kriegstheorie reduziert die politische Dimension auf drei Größen, welche zwar unter anderem ein Produkt der oben angerissenen Faktoren darstellen, im Ergebnis aber alleinig relevant sind, um u.a. in der Summe das Motiv zum Krieg zu definieren: Der Hass bzw. die Feindschaft, der unmittelbare Wille zum Sieg und die Größe des politischen Zwecks.[15] Wird also nach für die Theorie des Krieges relevanter Ungleichheit im Rahmen der politischen Dimension gesucht, so finden sich zwei verschiedene Formen, zum einen die ungleiche Größe, zum anderen die ungleiche Konsistenz der Motive zum Krieg:

 

  1. Die Motive zum Krieg können ungleich groß sein, wenn die Summe der drei einzelnen Faktoren bei Akteur A größer ist als bei Akteur B. Die Anstrengungen, welche ein politisches Gemeinwesen absolut im Krieg erbringen kann, ergibt sich jedoch nicht allein aus den Motiven, sondern muss im Verhältnis zu den Ressourcen betrachtet werden, die dem jeweiligen Akteur zur Verfügung stehen. Dies schließt die qualitativen und quantitativen menschlichen und materiellen Kapazitäten mit ein. Nehmen wir also die Ressourcenlage auf beiden Seiten gleich, so kann A mehr Anstrengungen zum Zwecke des Krieges erbringen als B. Die Folge daraus ist, dass B den Krieg entweder mit kleineren Kräften bestreiten muss oder dass er genauso viele Kräfte wie A aufbringt, diese aber nur für eine geringere Dauer aufrecht erhalten kann. Im ersten Fall ist B im Krieg also quantitativ unterlegen, im zweiten Fall hat er den Nachteil, dass er einen schnellen Sieg benötigt, wohingegen der A die Erschöpfung des B abwarten kann. B ist also in einem qualitativen Nachteil. In beiden Fällen sind die Vor- und Nachteile aber eindeutig verteilt und der B ist in einer schwächeren, nachteiligeren Lage als der A. Dies gilt entsprechend, wenn A und B zwar gleichgroße Motive zum Krieg haben, der B aber über weniger Ressourcen verfügt als der A.

    Unkritisch wird diese Betrachtung umso mehr, wenn die Ressourcen- und Motivationslage miteinander korreliert und A also sowohl über die größeren Motive als auch über die größeren Ressourcen verfügt. Der Krieg wäre dann für B derart nachteilig, dass er eigentlich schon nicht mehr denk- und führbar ist.

    Spannender und in Bezug auf die gegenwärtige Diskussion nutzenbringender wird diese Betrachtung jedoch, wenn Ressourcen- und Motivationslage gegenläufig sind, wenn also der A zwar über deutlich größere Ressourcen, der B aber über sehr viel stärkere Motive und also den stärkeren Willen zum Krieg verfügt. Nun könnte gesagt werden, dass sich dies an einem bestimmten Punkt aufhebt und also beide Parteien gleichstarken Widerstand leisten können. Dies ist zwar im Allgemeinen wahr, doch je größer wir uns die Gegensätzlichkeit zwischen Motivation und Ressourcen denken, desto mehr muss folgende Differenzierung hinzu kommen: Für A wird es ein leichtes sein, ein Mehr an Kräften aufzubieten. B wird aber leidensfähiger und opferbereiter sein, seine Kräfte also weniger schonen und weniger empfindsam gegen Rückschläge sein. Da A nur einen schwachen Willen zum Krieg hat, ist er schnell zum Frieden bereit, nimmt leichte Rückschläge zum Anlass, die ganze Absicht zu hinterfragen und ist demnach in all seinen Handlungen zaghaft, vorsichtig und empfindlich. Für B, ausgestattet mit einem vergleichsweise unendlichen Willen, ist der Krieg eine Notwendigkeit und vielmehr alternativlos. Ein nachteilhafter Friede ist für ihn viel ferner, viel weniger gangbar als für den A. Mit anderen Worten: Die politischen Entscheidungsträger des A sind viel schneller zur Aufgabe ihrer Absicht bereit als die des B und dies führt dazu, dass sie die eigentliche Schwachstelle darstellen und sich die militärische Gewalt gegen ihre Wahrnehmung richten muss. Dies wird nochmals deutlicher, wenn wir die zweite Form der Ungleichheit im Rahmen der politischen Dimension betrachten, welche mit dieser ersten zumeist einhergeht.

  2. Die Motive zum Krieg können eine ungleiche Konsistenz aufweisen. Sie bestehen, wie schon oben dargelegt, aus den drei Faktoren Hass bzw. Feindschaft, unbedingter Wille zum Sieg und Größe des politischen Zwecks, die in jedem konkreten Fall in unterschiedlichem Proporz zueinander wirken. Es kann nun also bei beiden Kriegsparteien, obwohl die Motive zum Krieg in der Summe gleichgroß sind, ein unterschiedlicher Proporz in der Zusammensetzung vorliegen. Dabei muss zunächst festgestellt werden, dass die Konsistenz des eigenen Willens zum Krieg gemäß der Theorie keinen Einfluss auf die eigene Kriegsführung haben sollte. Dies wäre ein instinktives Verhalten, welches vielleicht in der Wirklichkeit regelmäßig vorkommt, von der Theorie darum aber nicht als richtig angesehen werden kann. Die Theorie sucht nach dem zweckmäßigen Verhalten und dies ist unabhängig der Motivationskonsistenz auf die Erfüllung des politischen Zwecks auszurichten. Von viel größerer Bedeutung für die eigene Kriegsführung im Rahmen der Theorie des Krieges ist hingegen die Konsistenz des gegnerischen Willens zum Krieg, da das Brechen desselben den eigenen, siegreichen Weg zum Frieden ausmacht. In dem Zusammenhang wurde oben festgestellt,

 

  • dass sofern der Wille zum Krieg vorrangig auf dem politischen Zweck basiert, die Unverhältnismäßigkeit des gegnerischen Sieges den kürzesten Weg zum Frieden bildet,

  • dass sofern der unbedingte Wille zum Sieg die Haupttriebfeder des Gegners darstellt, die fehlende Aussicht auf denselben zum Friedensmotiv wird und

  • dass sofern der Hass und die Leidenschaft den Krieg motivieren, nur die Wehrlosigkeit zum Frieden führen kann.

    Ist also die Konsistenz des Willens zum Krieg für beide Parteien gleich, so ergibt sich für beide Seiten vernünftigerweise auch eine gleiche Zielsetzung des Krieges. Indem aber die Konsistenz auf beiden Seiten divergiert, ist auch eine unterschiedliche Zielsetzung vernünftig und dies führt wiederum zu einer Reihe möglicher Kombinationen, die in konkreten Einzelfällen untersucht werden müssten.

    Uns reicht es hier folgenden Punkt zu machen: Wenn A in der Hauptsache durch das politische Motiv angetrieben wird, wohingegen B durch Hass und Feindschaft motiviert ist, so reicht es für B offensichtlich, den Sieg für A unverhältnismäßig zu machen, wohingegen A den B in den Zustand der Wehrlosigkeit versetzen muss, um ihn zum Frieden zu den eigenen Bedingungen zu zwingen. Das Ziel ist also für B viel leichter zu erreichen als für A und allein daraus ergibt sich ein Vorteil für B. Hinzu kommt, dass dem B viel mehr Wege zur Verfügung stehen, um sein Ziel zu erreichen, denn er kann feindliche Streitkräfte vernichten, Land in Besitz nehmen und auch einen allgemeinen Schaden herbeiführen und all diese Wege führen ihn näher an sein Ziel. A hingegen muss feindliche Streitkräfte physisch und/oder moralisch vernichten, um seinem Ziel näher zu kommen und jede andere Handlung muss entweder diesem Ziel dienen oder als verschwendet gelten. Dies führt strukturell dazu, dass B sich dem Gefecht entziehen und seine Gewalt gegen Nichtstreitkräfte richten kann, wohingegen A das Gefecht unabdingbar benötigt, um sein Ziel zu verwirklichen. Mit anderen Worten ist A viel verletzlicher, weil jede Form der Gewalt seinem Willen zum Krieg gefährlich werden kann, wohingegen B nur das Gefecht fürchten muss, denn ein Gewaltakt gegen seine Bevölkerung verringert nicht seinen Willen zum Krieg, sondern erhöht ihn ggf. sogar.

    Wenn also unter in dieser Beziehung gleichen Bedingungen der B sich dem Gefecht entzog und seine Gewalt gegen die Bevölkerung richtete, so konnte der A dieses unterbinden, indem er dasselbe tat. Dies fällt nun unter ungleichen Bedingungen weg, da der A den B in diesem Punkt nicht mehr bedrohen kann und der B sich somit vollkommen ungestraft dem Gefecht entziehen darf. Während der A also gezwungen ist, die Entscheidung in der taktischen Dimension herbeizuführen, kann der B den Krieg auf der politischen Dimension halten und Gefechte im eigentlichen Sinne vermeiden.

    Im Rahmen der politischen Dimension gibt es also vielfältige Variationen der Ungleichheit, die allesamt das Wesen des Krieges verändern. Dabei geht die ungleiche Größe der Motive zumeist mit der ungleichen Konsistenz einher, denn ein in das Äußerste gesteigerter Wille zum Krieg ist zumeist durch Leidenschaften motiviert, wohingegen ein nur schwaches Motiv zum Krieg regelmäßig allein durch das politische Motiv aufrecht erhalten wird.

 

 Strategische Dimension

 

Die Strategie ist eine eigentümliche und komplexe Dimension des Krieges. Jede Ungleichheit oder Eigenheit auf politischer und/oder taktischer Ebene zeigt eine Auswirkung auf der strategischen Ebene und setzt sich dort unter Umständen als Ungleichgewicht fort. Hat z.B. der A mehr Streitkräfte zur Verfügung als der B, so ist dies zweifelsfrei ein Ungleichgewicht mit erheblichen Auswirkungen für die Strategien beider Parteien. Dennoch ist diese Erscheinung auf eine politisches Ungleichheit zurückzuführen und nicht etwa auf eine strategische. Das Verständnis einer strategischen Ungleichheit muss also gleich zu Beginn aufmerksam eingegrenzt werden, um nicht zu falschen Vorstellungen zu verleiten.

 

Die Strategie eines politischen Gemeinwesens innerhalb eines Krieges bzw. innerhalb eines Feldzuges wird für Clausewitz idealtypisch allein durch den Feldherrn bestimmt. Eine Ungleichheit im Rahmen dieser Dimension muss somit notwendig auf die Personen der involvierten Feldherrn, d.h. des strategischen Entscheidungsträgers, zurückgeführt werden können. Jedes andere als strategisches Ungleichgewicht erscheinende Phänomen entsteht durch für die Strategie äußere Faktoren und muss folglich in einer anderen Dimension des Krieges ihren Ursprung haben. Suchen wir also nach einer Ungleichheit in der strategischen Dimension des Krieges, so finden sich zunächst zwei Faktoren die diese begründen können. Dies ist a) die Persönlichkeit des Feldherrn, insbesondere dessen Kriegerischer Genius und b) die Machtvollkommenheit desselben. Darüber hinaus ist noch c) die Mehrpersönlichkeit des Feldherrn zu betrachten.

 

  1. Die Betrachtung von der Persönlichkeit des Feldherrn ist vergleichsweise leicht, da Clausewitz selbst der Ungleichheit dieser beiden Faktoren eine zentrale Bedeutung im Krieg zumaß. Clausewitz beschrieb drei verschiedene Persönlichkeitskategorien von Feldherrn:

 

  • Typ 1: Der ängstliche, zaudernde und zaghafte Feldherr, der vielleicht über eine hohe Urteilskraft verfügt, aber zu wenig Energie, Mut und Entschlusskraft aufbringt, um den treffenden Entschluss gegen Gefahren und andere Widerstände durchzusetzen.

  • Typ 2: Der kühne, dreiste und verwegene Feldherr, der zwar über sehr viel Mut und Tatkraft verfügt, dem es aber an Urteilskraft mangelt. Er setzt sich unvernünftige bzw. nur zufällig treffende Ziele, verfolgt diese aber mit äußerster Energie.

  • Typ 3: Der geniale Feldherr verfügt sowohl über Urteils- wie auch über Entschlusskraft und stellt somit die Annäherung an den kriegerischen Genius dar. Er erkennt das treffendste Ziel und hat die entsprechende Disziplin, um das richtige Maß an Energie einzusetzen.[16]

    Das erste denkbare Ungleichgewicht findet sich in der strategischen Dimension also dort, wo Feldherrn unterschiedlichen Typs aufeinandertreffen. Der idealtypische Feldherr (Typ 3) wird in Raum und Zeit ein möglicherweise auch vielschichtiges Ziel für seine Streitkräfte bestimmen können, in welchem sie die maximale Wirksamkeit gegenüber dem Gegner entfalten. Ferner wird er all seine Kräfte auf diesen Punkt zu konzentrieren wissen, d.h. er wird Teil- und Einzelziele setzen, die allein auf dieses eine Ziel ausgerichtet sind. Der geniale Feldherr wird also in Raum und Zeit so konzentriert handeln,[17] wie es ihm die Umstände erlauben und die Folge daraus ist, dass er die maximale Wirksamkeit und höchste Effizienz seiner Kräfte erzielt. Der verwegene Feldherr (Typ 2) wird seine Kräfte in Raum und Zeit ebenfalls sehr konzentriert gebrauchen, er wird aber aufgrund seines Mangels an Urteilskraft die einzelnen Punkte, auf welche er die Kräfte konzentriert, weniger trefflich bestimmen können und darum seine Kräfte weniger effizient einsetzen. Er wird darum dem genialen Feldherrn bei sonst gleichen Umständen unterlegen sein. Der ängstliche Feldherr (Typ 1) wird vielleicht den Punkt erkennen, auf welchem seine Kräfte die größte Wirksamkeit haben würden, aber er wird nicht den Mut aufbringen, seine Kräfte auf diesen Punkt zu konzentrieren, weil er entweder die Niederlage auf anderen Punkten fürchtet und sich darum auch um diese kümmern möchte oder weil er die Niederlage in dem entscheidenden Punkt fürchtet und darum nicht alles auf diese Karte setzen will.[18] Die Folge daraus ist, dass er bei sonst gleichen Verhältnissen die geringste Zieleffizienz aller Feldherrntypen aufbringt und darum den beiden anderen unterlegen ist. Denn während der dreiste Feldherr zwar ein ungünstiges Ziel verfolgt, ist er in diesem Punkt wenigstens stark, während der ängstliche Feldherr in keinem Punkt wirkliche Stärke aufzubringen vermag. Es ist also leicht zu sagen: Der Typ 3 Feldherr wird sich für eine Strategie entscheiden, die dem Geist des Krieges am nächsten liegt und diese konzentriert verfolgen, der Typ 2 wird regelmäßig über sein Ziel hinaus schießen, unnötige Gefahren eingehen und in diesem Sinne die optimale Strategie tendenziell seltener treffen, dafür aber immer noch dem Typ 1 überlegen sein, der die treffende Strategie vielleicht erkennt, dem aber regelmäßig die Energie, der Mut bzw. die Entschlossenheit fehlt, diese umzusetzen.[19]

 

  1. Etwas ferner von der unmittelbaren Betrachtung Clausewitz‘ liegen Überlegungen in Bezug auf die Ungleichheit im Rahmen der Machtvollkommenheit des Feldherrn.[20] Diese kann sowohl durch übergeordnete politische Entscheidungsträger als auch durch selbstbewusste bzw. autonom handelnde, untergeordnete Befehlshaber und Insubordination im Allgemeinen eingeschränkt werden. Mit dem Grad dieser Einschränkung nimmt auch notwendigerweise die Auswirkung der Feldherrnpersönlichkeit auf die Strategie ab.

    Die Autorität des Feldherrn kann auf zwei voneinander unabhängigen Wegen beschränkt werden. Erstens kann seine Entscheidungsfreiheit beschränkt sein, wenn z.B. politische Entscheidungsträger oder auch teilautonome Unterfeldherrn ein wie auch immer geartetes Mitspracherecht in der Bestimmung der Strategie haben. Der Feldherr ist dann an Auflagen und Rücksichten gebunden, die unter Umständen artfremd und wenig zielführend sind. Zwar können solche Auflagen für einen kühnen Feldherrn auch positive Auswirkungen mit sich bringen, indem er nämlich zu einer vernünftigeren Zielsetzung gezwungen wird, doch in den meisten Fällen wird es nicht nur zu einer Verschiebung der Zielsetzung und also zu einer Beschränkung der Urteilskraft des Feldherrn führen, sondern durch die Beimischung von Partikularinteressen zu einer diffuseren Zielsetzung und somit zu einem Verlust der Konzentration der Kräfte im Schwerpunkt. Es werden dann also strategische Teil- und Einzelziele verfolgt, die mit dem strategischen Gesamtziel in keinem Zusammenhang mehr stehen. Eine solche Beschränkung der Machtvollkommenheit des Feldherrn wird in den meisten Fällen zu einer weiteren Entfernung von der genialen Strategie führen und wirkt auch in Bezug auf die Ungleichheit wie die unter a) betrachtete Feldherrnpersönlichkeit, die sich von ihrem Ideal entfernt.

    Eine zweite mögliche Ausprägung der eingeschränkten Machtvollkommenheit des Feldherrn entsteht durch die allgemeine Insubordination der Streitkräfte. In der idealistischen Vorstellung mag es so sein, dass der Wille des Feldherrn über die Strategie gebietet und dass sich die Streitkräfte, „durch die Disziplin zu einem Stück zusammengeleimt“[21], wie ein einzelner Körper nach diesem Willen ausrichten. Dass es in der wirklichen Welt nicht so ist, war Clausewitz nachweislich bewusst.[22] Streitkräfte sind immer aus einer Vielzahl von Menschen zusammengesetzt und diese machen bewusst oder unbewusst Fehler und stören somit den reibungslosen Ablauf des Ganzen oder kurz: sie verursachen Friktionen. Diese Friktionen schränken offensichtlich die Machtvollkommen des Feldherrn ein, denn sie beschreiben Handlungen, die nicht im Willen des Feldherrn und also außerhalb der durch ihn bestimmten Strategie stattfinden. Dies beginnt bei der fehlerhaften und unpräzisen Bedienung einer Waffe, führt über das Verirren auf dem Marsch und reicht bis hin zur Fahnenflucht oder autonomen Gefechtsführung ganzer Truppenteile. Bis zu einem bestimmten Grad ist die Friktion dabei zufällig, somit auf beiden Seiten tendenziell gleich verteilt und kann sogar positive Effekte erzeugen. Es ist aber zweifellos wahr, dass eine im Gehorsam geübte, kriegserfahrene und mit dem Feldherrn emotional oder über die kriegerische Tugend verbundene Streitkraft weniger anfällig für Friktionen ist, als eine in den Gefahren des Krieges wenig erfahrene Streitkraft. Es gibt hier also große Unterschiede und es ist ganz offensichtlich, dass der größte kriegerische Genius dem Feldherrn nicht hilft, wenn die Streitkräfte seinen Befehlen nicht folgen können oder wollen.[23]

    Mit steigender Friktion verliert der kriegerische Akt seine Einheit, zerfällt zunehmend in Einzelteile und wird zu einer vornehmlich zufälligen Verkettung einzelner Ereignisse. Je mehr also die Machtvollkommenheit des Feldherrn in diesem Sinne nachlässt, desto stärker treten Abweichungen und Friktionen in den Vordergrund, desto weniger effizient sind die Streitkräfte in Bezug auf die jeweilige Strategie, ganz unabhängig von dem kriegerischen Genius des Feldherrn. Je mehr der kriegerische Akt also von Friktionen, insbesondere von Insubordination und Selbstständigkeit der einzelnen Teile bestimmt wird, desto mehr wird sich der Zusammenhang des Feldzuges überhaupt auflösen und von einer vernünftigen, durchdachten und durch Vernunft gesteuerten Strategie entfernen. Indem aber der Wille des Feldherrn gänzlich aufhören würde über die Strategie zu gebieten, würde auch die politische Dimension des Krieges von der taktischen losgelöst.[24] Für die Clausewitz’sche Theorie endet an dieser Stelle der Begriff des Krieges und die kriegerische Handlung hört auf eine solche zu sein und geht stattdessen fließend in den Zustand der Anarchie über.[25]

    Dieser zweite Weg der Machtbeschränkung des Feldherrn ist jedoch nicht auf die Persönlichkeit des Feldherrn und die Qualität der für den Feldzug bestimmten Strategie zurückzuführen, sondern auf den Wert der Streitkräfte. In diesem Sinne handelt es sich hierbei um eine taktische Ungleichheit, die sich auf der strategischen Ebene als Ungleichgewicht auswirkt. Freilich könnte hier auch die Fähigkeit des Feldherrn betrachtet werden, Gefolgschaft bei seinen Streitkräften zu erzielen, doch dies wäre weit außerhalb der Clausewitz’schen Theorie, für den die Gefolgschaft etwas Gegebenes war, durch das politische Gemeinwesen bestimmt und gewissermaßen vorausgesetzt wurde. Finden wir also zwei gleichstarke Feldherrn A und B, von denen der eine A machtvollkommen ist, während die Streitkräfte des B ungehorsam und eigenwillig sind, so verfügt der B über schwächere Kräfte als der A, was aber nicht auf eine strategisches Ungleichheit im Sinne fehlender Entschlusskraft oder fehlender Urteilskraft zurückzuführen ist.

  2. Der Gedanke der beschränkten Feldherrnautorität führt aber zu einer dritten Überlegung, welche sich zwar recht weit von Clausewitz entfernt, in dem hier betrachteten Gesamtzusammenhang jedoch von signifikanter Bedeutung für ein strategisches Ungleichgewicht sein könnte. Bisher wurde es als eine stillschweigende Voraussetzung hingenommen, dass verbündete und im politischen Zweck vereinte Streitkräfte innerhalb eines Kriegstheaters als Einheit gedacht werden konnten, dass sie also einer gemeinsamen Strategie folgten, die durch einen Feldherrn, d.h. einen Willen bestimmt wurde. Mit anderen Worten, es schien für Clausewitz eine logische und nicht zu hinterfragende Notwendigkeit zu sein, dass ein politisches Gemeinwesen für ein Kriegstheater genau einen Feldherrn mit dem Recht auf Oberbefehl ausstattete und dass, sollten sich mehrere Bündnispartner in einem Kriegstheater vereinen, auch diese sich auf einen Oberbefehl einigen, zumindest aber Verfahren festlegen, wie eine gemeinsame Strategie zu entwickeln ist. Auch wenn Streitkräfte innerhalb eines Kriegstheaters getrennt voneinander eingesetzt wurden, so folgten sie stets einem gemeinsamen Plan und dieser bestimmte gleichsam den Zusammenhang der Streitkräfte. Wurde also der eine Teil geschlagen, so war auch der Plan des anderen Teils vernichtet.

    Sprachen wir aber bei b) von einer Einschränkung der Machtvollkommenheit des Feldherrn, so musste sich auch die Frage stellen, wer an seiner statt die Macht und Befehlsgewalt des Feldherrn ausübte. Dabei gingen wir implizit davon aus, dass die verlorene, d.h. durch den Feldherrn nicht ausgeübte Macht gewissermaßen diffus und zu persönlichen Zwecken genutzt wurde. Wir dachten uns den Feldzug also weiterhin als Einheit, nur dass die zufallsabhängigen Abweichungen der einzelnen Handlungen zunahmen. Stellen wir uns aber abweichend von der oben genannten Voraussetzung vor, dass ein anderer unabhängiger Feldherr neben den ersten tritt, sich die Feldherrnmacht also ohne größere Reibungsverluste auf zwei unabhängige Pole verteilt, so kommen wir zu einem interessanten Gedankenmodell. Ein politisches Gemeinwesen könnte z.B. zwei Feldherren mit Streitkräften ausstatten und in ein und demselben Kriegstheater unabhängig voneinander mit einem identischen strategischen Zweck agieren lassen. Es würden sich dann zwei Streitkräfte einer Partei finden, die nicht bzw. vergleichsweise lockerer miteinander verbunden wären, aber nichtsdestotrotz denselben politischen Zweck verfolgten.

    Die Folge daraus wäre, dass – Machtvollkommenheit in ihrem Bereich und kriegerischer Genius der beiden Feldherrn vorausgesetzt – die beiden Streitkräfte des politischen Gemeinwesens von zwei unterschiedlichen Willens- und Urteilskräften angeleitet und sich dadurch auf zwei unterschiedliche Punkte konzentrieren würden, selbst wenn diese formal deckungsgleich wären. Nun müsste gesagt werden, dass die beiden Feldherrn sich vernünftigerweise absprechen und ihren Plan bzw. ihre Strategie synchronisieren sollten, um synergetische Effekte auszunutzen und eine größere Konzentration der Kräfte zu erzeugen, womit man wieder beim oben genannten Punkt wäre, dass die Kräfte eines Kriegstheaters notwendigerweise unter einem Oberbefehl stehen sollten. Dies ist auch für die meisten Fälle wahr und würde auch unter sonst gleichen Umständen zutreffen, da eine Teilung der Einheit des Handelns notwendigerweise zu einer Schwächung desselben im Ganzen führt. Denken wir uns aber die Rahmenbedingung so, dass der A viel geringere Kräfte hat als der B, knüpfen wir also an eine politisches Ungleichheit an, so findet sich plötzlich ein echter Hinderungsgrund, die Kräfte zusammenzufassen und in einem Punkt zu konzentrieren, denn dies scheint der sichere Weg in die eigene Vernichtung. Dieses Dilemma scheint kaum aufgehoben, indem zwei Feldherrn eingesetzt werden, denn der B kann immer noch leicht gegen die beiden daraus resultierenden Schwerpunkte wirken und – schlimmer noch – das Wirken gegen den einen wird auch gegen den anderen gerichtet sein, denn bei einer Zweiteilung hängt die Erfolgsaussicht des einen notwendigerweise an der Erfolgsaussicht des anderen.

    Denken wir uns die Teilung der Streitkräfte aber nicht nur zwei-, sondern hundert-, tausend- oder gar zehntausendfach, so wird ersichtlich, dass sich der Zusammenhalt der einzelnen Teile immer weiter aufhebt und die Vernichtung des einen keine Auswirkungen auf die Erfolgsaussichten des anderen haben, dass auch eine Absprache der einzelnen Teile untereinander immer schwieriger und umständlicher werden würde. Der Aufbau der Streitkräfte von A wäre dann nicht mehr klassisch hierarchisch mit Feldherr, Befehlshabern, Unterführern usw., sondern die Streitkräfte wären netzwerkförmig mit einer Vielzahl von strategisch autonomen Zellen organisiert, die vielleicht einen repräsentativen Kopf haben, der aber im eigentlichen Sinne keine Entscheidungsgewalt hat, allein schon da er die vielen gleichrangigen Glieder nicht mit einem Blick überschauen, geschweige denn mit einem Willen koordinieren kann.

    Diese zelluläre Einteilung der Kräfte verhindert die Konzentration derselben in einem Punkt und macht somit einen schnellen Stoß gegen den Schwerpunkt des Gegners unmöglich. Aber – und dies ist die Krux – auch der Gegner findet keinen Schwerpunkt, gegen welchen er seinen Stoß richten könnte. Wir nähern uns hier dem Gedanken, den Clausewitz unter dem empirischen Begriff des Volkskrieges aufgreift, aber nicht in seiner abstrakten Tiefe durchleuchtet. Dort schreibt er:

 

„Nach unserer Vorstellung vom Volkskriege muß er wie ein nebel- und wolkenartiges Wesen sich nirgends zu einen widerstehenden Körper konkreszieren, sonst richtet der Feind eine angemessene Kraft auf diesen Kern, zerstört ihn und macht eine große Menge Gefangene; dann sinkt der Mut, alles glaubt, die Hauptfrage sei entschieden, ein weiteres Bemühen vergeblich, und die Waffen fallen dem Volke aus den Händen. Von der anderen Seite aber ist es dennoch nötig, daß sich dieser Nebel an gewissen Punkten zu dichteren Massen zusammenziehe und drohende Wolken bilde, aus denen einmal ein kräftiger Blitzstrahl herausfahren kann.“[26]

 

Die Begriffe Volkskrieg und Kleiner Krieg, die von der Sekundärliteratur häufig aufgenommen werden, um eine Verknüpfung zum Partisanen- und Guerillakampf herzustellen,[27] lassen sich in die abstrakte Theorie Clausewitz‘ nicht einordnen. Der Volkskrieg beschreibt eine konkrete empirische Erscheinung des 19. Jahrhunderts[28] und der kleine Krieg bezeichnet einen spezifischen operativen Ansatz kleinerer Truppenteile zur Schwächung des Gegners.[29] Beide Begriffe bilden kein abstraktes, generisches Verständnis, welches jenseits der Betrachtung eines konkreten Falles bestand haben könnte. Allerdings wird hier ein bestimmtes strategisches Vorgehen beschrieben, nach welchem die eigenen Kräfte nicht auf einen Schwerpunkt in Raum und Zeit konzentriert, sondern dezentralisiert gebraucht werden, um sich selbst nicht der Vernichtung auszusetzen.

 

Diese unkonzentrierte Vorgehensweise lässt sich auf zwei Wegen denken. Zum einen im Rahmen einer Strategie, durch ein vielfaches Teilen der eigenen Kräfte und die Anordnung vieler parallel verlaufender Gefechte durch einen Feldherrn. Zum anderen im Rahmen einer multiplen Kriegsführung durch die Bestimmung mehrerer kleiner Feldherrn in einem Kriegstheater, d.h. durch die sich in Raum und Zeit überschneidende Verfolgung mehrerer unabhängiger Strategien zu einem politischen Ziel. Beides ist – so scheint es mir – in der Realität möglich. Ersteres ist ein spezifischer strategischer Ansatz, das zweite ist eine strukturelle Gegebenheit. Die Existenz von beidem ist dadurch begründet, dass es vor dem Hintergrund einer konkreten militärpolitischen Entwicklung im Einzelfall den politischen Entscheidungsträgern nicht möglich sein wird, nach freiem Dafürhalten einen oder mehrere Feldherrn einzusetzen, sondern Tradition, Denkschule, existierende Strukturen und Organisationsformen der Streitkräfte erzwingen ein im Einzelfall bestimmtes Verhalten jenseits der konkreten Zweckmäßigkeit.

 

Setzt nun eine Kriegspartei A ihre Kräfte – sei es aus freiem Willen oder aus organisatorischen Zwängen – wahrhaft dezentral (und nicht nur schwach konzentriert) ein, so muss B dies zwangsläufig ebenfalls tun, da anderenfalls jeder Stoß gegen die Streitkräfte von A stärker wäre „als der Widerstand verträgt, und damit ein Luftstoß, eine Kraftverschwendung“[30]. In diesem Sinne ist das alleinige Anwenden einer dekonzentrierten Strategie keine strategische Ungleichheit. Zu dieser wird es erst, wenn der A aus mehreren, der B aber nur aus einem Feldherrn im abstrakten Sinne besteht, bei B also alle Streitkräfte einem Plan, bei A vielzählige Zellen jeweils eigenen Absichten folgen, die allesamt allein das politische Ziel gemeinsam haben. Der Zusammenhalt bei A wird viel geringer sein, und darum der Verlust einzelner Gefechte für ihn weniger bedeutsam. Ferner ist der B durch seine hierarchische Struktur vor gewaltige Koordinations- und Entscheidungsprobleme gestellt. Die Komplexität der vielen unterschiedlichen strategischen Punkte erfordert einen hohen Entscheidungsspielraum der militärischen Führer unterster Ebenen, da der Feldherr oder sein Stab unmöglich die Lage an jedem einzelnen Ort überblicken und beurteilen kann. Während bei A der (kleine) Feldherr jeweils vor Ort ist und die Entscheidung unverzüglich so trifft, wie er es für richtig erachtet, ist bei B lediglich ein beschränkt entscheidungsbefugter taktischer Führer vor Ort, der an enge strategische Auflagen und Beschränkungen gebunden ist und für bedeutsame Entscheidungen die Erlaubnis seines Feldherrn einholen muss. Es ist somit ganz offensichtlich, dass B einen gigantischen Feldherrnstab benötigt, um die komplexen Informationen zu strukturieren und die Entscheidungen des strategischen Führers vorzubereiten. Die Folge ist insgesamt also, dass B in seinen Handlungen langsamer, weniger effizient und verwundbarer ist als A. Im Gegenzug aber hat B die Fähigkeit zu konzentrierten und umfangreichen Einzeloperationen und kann daher an jedem beliebigen Punkt eine örtliche Überlegenheit herstellen.

 

Die wirkliche Welt wird freilich nicht durch diese beiden abstrakten Extreme dominiert, sondern wir müssen uns die Übergänge vom einen zum anderen fließend denken, so dass die eine Streitkraft strenger hierarchisch aufgebaut ist als die andere. Je größer aber auch die Anzahl der Köpfe, die über eigene Streitkräfte verfügen, desto schwieriger werden diese von den politischen Entscheidungsträgern zu kontrollieren sein und umso größer wird die Gefahr, dass der Krieg sich verselbstständigt, weil die Feldherrn zunehmend ihren eigenen und weniger den politischen Interessen folgen. Das Phänomen der strategischen Mehrpersönlichkeit wird sich also oftmals mit dem in Kapitel VII.2.2 beschriebenen Problem vereinen, dass politische Gemeinwesen im Krieg auseinanderbrechen können, dass also einzelne Militärverbände zu eigenen politischen Gemeinwesen werden und nicht nur selbstständige Feldzüge, sondern wahre selbstständige Kriege führen.

 

 Taktische Dimension

 

Auf der taktischen Ebene des Krieges stehen sich schließlich allein die beiden gegnerischen Streitkräfte innerhalb eines Gefechts gegenüber. Die Ungleichheit kann auf dieser Ebene in vier sich logisch ergebenden, trennscharfen Kategorien unterschieden werden: a) physisch quantitative, b) moralisch quantitative, c) physisch qualitative und d) moralisch qualitative Ungleichheit.

 

  1. Physisch quantitative Ungleichheit

    Die naheliegende Ungleichheit innerhalb eines Gefechts liegt bei dem Unterschied der Anzahl der kämpfenden Individuen. Hierbei gilt ganz grundsätzlich, dass derjenige mit der größeren Zahl dem anderen überlegen ist, solange dieser Vorteil nicht durch Nachteile in anderen Bereichen überwogen wird.[31] Dabei kann die Zahl auf taktischer Ebene niemals zu groß sein, da die Kräfte im Gefecht auch sukzessive wirken können.[32] Auch wenn also aus strategischer Sicht die Kräfte für ein einzelnes Gefecht zu groß gewählt wurden, weil eine Teilung der Kräfte auf mehrere strategische Punkte eine höhere Effizienz erwiesen hätte und das einzelne Gefecht mit zu großen Kräften eine Art „Luftstoß, eine Kraftverschwendung“[33] darstellt, so ist eine quantitative Verstärkung der Kräfte aus taktischer Perspektive immer nützlich, da sie die Wahrscheinlichkeit des Sieges stets weiter erhöht.

    Die physisch quantitative Ungleichheit im Gefecht ist jedoch keine Ungleichheit, die ihren Ursprung auf taktischer Ebene, d.h. in den Streitkräften selbst findet. Die Strategie bestimmt die Anzahl der Kräfte in dem einzelnen Gefecht[34] und wird hierbei durch den von der Politik vorgegebenen Gesamtumfang dieser Kräfte eingeschränkt.[35] Ist die Anzahl der Kräfte bei den beiden Kriegsgegnern innerhalb eines Gefechts also unterschiedlich, so ist dies entweder auf ein strategisches Kalkül oder auf einen generellen Mangel an Kräften, d.h. auf eine politische Ungleichheit zurückzuführen. Es handelt sich also um ein taktisches Ungleichgewicht, nicht aber um eine wesentliche Ungleichheit.

  2. Moralisch quantitative Ungleichheit

    Ferner wurde oben festgestellt, dass die Streitkräfte nicht nur physisch, sondern auch moralisch zu betrachten sind. In diesem Sinne kann also eine Überlegenheit an moralischen Kräften, d.h. eine Überlegenheit in dem Willen zum Kampf und/oder in der Fähigkeit zum Kriegshandwerk, eine bedeutsame Größe darstellen. Eine in dieser Hinsicht moralisch überlegene Streitkraft wird also die Gewalt rücksichtsloser anwenden und daher ein Übergewicht über den Gegner bekommen, weil sie bei gleicher quantitativer Stärke zum einen ein Mehr an Gewalt anwenden und zum anderen ein Mehr an Verlusten ertragen kann als der Gegner. Es handelt sich also um ein reines Gegengewicht zu dem physisch quantitativen Faktor.

    Die moralisch quantitative Ungleichheit ist eine echte taktische Ungleichheit, da sie für Clausewitz weder durch den Feldherrn noch durch die politische Führung unmittelbar bestimmt werden kann – langfristige Einwirkungen im Sinne einer militärischen Erziehung bzw. der Militarisierung der Gesellschaft werden von Clausewitz nicht betrachtet. Diese Ungleichheit wirkt jedoch lediglich als eine Art Multiplikator für die Streitkräfte, d.h. mit einem hinreichend großen Gegengewicht in der physischen Quantität der Streitkräfte wird sich ein Gleichgewicht immer wieder herstellen lassen.

  3. Physisch qualitative Ungleichheit

    Eine größerer Bedeutung für die taktische Ungleichheit der beiden Kriegsparteien findet sich in der Andersartigkeit der Kriegsmittel. Zwar können wir uns den Krieg als Faustkampf denken, doch hat er noch nie als solcher stattgefunden, sondern Menschen waren im Krieg seit jeher bewaffnet.[36] In diesem Sinne ist es eine Frage von hoher taktischer Relevanz, mit welchen Kriegsgeräten die jeweiligen Streitkräfte ausgestattet sind. Das entsprechende Kriegsgerät kann freilich in vielfacher Art unterschiedlich sein. Zum einen kann es in unterschiedlicher Anzahl vorhanden sein, was allerdings einer physisch quantitativen Ungleichheit (siehe a)) entsprechen würde. Zweitens kann das vorhandene Gerät eine unterschiedliche Qualität aufweisen, z.B. schießt das eine Gewehr weiter als das andere oder der eine Panzer fährt schneller, trifft sicherer und ist besser gepanzert als der andere. Hierbei würde es sich zwar fraglos um eine physisch qualitative Ungleichheit handeln, doch wäre die Wirkung genau wie bei der moralisch quantitativen Ungleichheit (siehe b)) allein als Gegengewicht zur Anzahl der Kräfte zu verstehen. So ist offensichtlich eine schlechtere Qualität an Kriegsgerät durch eine höhere Anzahl auszugleichen und schließlich auch zu überbieten.

    Zu einer echten, strukturell relevanten Ungleichheit im Krieg kommen wir erst, wenn wir uns die qualitative Ungleichheit nicht nur relativ, sondern absolut, im Sinne einer vollkommenen Andersartigkeit vorstellen.[37] So ist es durchaus denkbar, dass eine technologisch fortschrittliche Kriegspartei solche Kriegsgeräte her- und bereitstellen kann, welche für die andere Seite unangreifbar bzw. unbesiegbar erscheinen. „Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es ein Akteur vermag, Sphären und Räume für sich zu vereinnahmen und zu ‚beherrschen‘, zu denen der Gegner aufgrund seiner technologischen Unterlegenheit keinen Zutritt hat.“[38] Es ist in diesem Sinne leicht denkbar, wie eine mit Macheten ausgestattete Streitkraft in der Anzahl bis ins Unendliche gesteigert werden kann, ohne dass hierdurch innerhalb eines Gefechts die Wahrscheinlichkeit erhöht werden würde, dass ein gegnerischer Kampfhubschrauber geschlagen werden könnte. Wir finden hierdurch also plötzlich Streitkräfte, die einseitig nicht mehr wirken können, somit als wehrlos zu betrachten sind und gewissermaßen innerhalb eines Gefechts des Status von Streitkräften im engeren Sinne verlieren.

    Nun schrieb Clausewitz zwar, dass der Krieg „nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote Masse [ist], sondern, weil ein absolutes Leiden kein Kriegführen sein würde, [er immer als] Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander“[39] betrachtet werden müsse. Doch heißt dies keineswegs, dass die vollkommene Andersartigkeit von Streitkräften zu einer Unmöglichkeit des Krieges führen müsste. Sie führt lediglich aus der Perspektive des vermeintlich Schwächeren zu einer Unmöglichkeit des Gefechts. Der technologisch Schwächere verfügt aber nichtsdestotrotz über Streitkräfte, die er gegen seinen Gegner als politisch Ganzes einsetzen kann, nur dass dabei das Ziel, die gegnerischen Streitkräfte zu vernichten, als unmöglich betrachtet werden muss. Dem technologisch bzw. materiell Unterlegenen bleibt also nur noch das strategische Ziel der Herbeiführung eines allgemeinen Schadens durch die Anwendung von Gewalt gegen Nichtstreitkräfte bzw. die nur punktuelle und überfallartige Vernichtung gegnerischer Kräfte an verwundbaren Punkten. In beiden Fällen ist ihm die Möglichkeit einer strategisch schnellen Entscheidung und einer strategischen Niederwerfung des Gegners nicht gegeben.

    Der in zeitgenössischer Literatur überwiegende Rückschluss aus der empirischen Beobachtung, dass Guerilla, Partisanen usw. über mehr Zeit zur Konfliktaustragung verfügen würden als technologisch entwickelte Industrienationen und darum die Dauer des Konflikts in die Länge ziehen würden,[40] ist also insofern unpräzise, als dass dieser Zusammenhang nicht notwendig besteht. Vielmehr will jede Partei einen schnellen Sieg herbeiführen, aber der technologisch unterlegenen Akteure hat dazu keine Mittel. In diesem Sinne bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Hoffnung auf die Zeit zu setzen – über die Verfügbarkeit derselben ist damit noch nichts gesagt.  

    Es lässt sich also feststellen, dass die physisch qualitative Ungleichheit in ihrem absolutem Verständnis notwendigerweise dazu führt, dass der technologisch unterlegene Akteur das Gefecht, erst recht die Entscheidungsschlacht meidet und die kriegerische Gewalt auf Nichtstreitkräfte oder unbedeutende, nicht im Schwerpunkt liegende Truppenkörper konzentriert. Auch die Inbesitznahme von Land ist ihm offensichtlich unmöglich, da dieses sofort zurückgewonnen werden könnte. Diese Art der Ungleichheit hat also erheblich Auswirkungen auf die Kriegsführung als Ganzes und wird das Wesen des Kriegs maßgeblich beeinflussen. Dabei versteht sich von selbst, dass diese Art der Ungleichheit nur im philosophischen Sinne absolut ist, in der Wirklichkeit aber der Übergang von einer qualitativ schlechteren zu einer vollkommen andersartigen Ausstattung fließend gedacht werden muss.

  4. Moralisch qualitative Ungleichheit

 

Schließlich bleibt die moralisch quantitative Ungleichheit der beiden Akteure. Ähnlich wie in der politischen Dimension des Krieges können auch die Streitkräfte ihren Willen zum Kampf aus unterschiedlichen Motivationsquellen schöpfen. Diese sind i) der Korpsgeist (kriegerische Tugend des Heeres), ii) die Leidenschaft (Volksgeist des Heeres) und iii) das Vertrauen in die Strategie (Talente des Feldherrn).[41] Daraus folgt, dass trotz in der Summe gleich großem Willen zum Kampf die Konsistenz desselben unterschiedlich sein kann. Zwar wurde oben festgestellt, dass die mit kriegerischer Tugend ausgestatteten Heere zumeist über das größere kriegshandwerkliche Können verfügen, doch wäre dies ein moralisch quantitativer Unterschied. Hier betrachten wir also den Fall, in welchem die Heere das kriegerische Handwerk gleich gut beherrschen, dabei jedoch unterschiedlich motiviert sind. Es wird sich ein Unterschied finden, wenn z.B. eine von der kriegerischen Tugend beseelte Streitkraft einem gleichgesinnten oder einem vom Volksgeist beseelten Heer gegenübersteht. Nehmen wir also an, dass bei sonst gleichen Verhältnissen und in der Summe gleichgroßem Willen zum Kampf zwei unterschiedlich motivierte Streitkräfte aufeinandertreffen, so scheint es wahr zu sein, dass

 

      1. die von der kriegerischen Tugend beseelte Streitkraft die höchste Disziplin und somit die längste Ausdauer im Kampf aufweist, in der Energie ihres Kampfes also ein gleichbleibendes Maß über einen langen Zeitraum aufrecht erhält, dass

      2. die vom Volksgeist beseelte Streitkraft eine wesentlich höhere Anfangsenergie und Leidenschaft aufweist, in ihrer Leidenschaft aber schnell nachlässt und insofern den Kampf energetischer, aber weniger dauerhaft zu führen vermag[42]

      3. die auf ihr eigenes Gewinnstreben bezogenen Streitkräfte eine sehr hohe Energie aufweisen können, dies aber nur solange sie nicht auf allzu großen Widerstand treffen.

        Im Kapitel VI.4 wurde festgestellt, dass sich der Einsatz von Streitkräften im Gefecht grundsätzlich in drei trennscharfe Kategorien einteilen lässt. Diese sind Angriff, Verteidigung und das Vernichtungsprinzip des Feuers.[43] Vor diesem Hintergrund scheint es folgerichtig, dass eine von der kriegerischen Tugend beseelte Streitkraft aufgrund ihrer Standfestigkeit und Disziplin der Verteidigung zugetan ist, der Angriff am ehesten der leidenschaftlichen Natur einer durch den Volksgeist motivierten Streitkraft entspricht und die auf eigenen Vorteil bedachten Individuen das Vernichtungsprinzip des Feuers zu optimieren wissen. Da sich die kriegerische Tugend im Kampf gegen den Volksgeist vorzüglich der Verteidigung bedienen kann und diese als stärkere Form betrachtet werden muss, wird in dieser Konstellation die kriegerische Tugend also überlegen sein. Gegen eine Streitkraft des Typs iii) kann die kriegerische Tugend sich jedoch aufgrund des Ausbleibens eines feindlichen Angriffs nicht der Verteidigung bedienen und muss entweder selbst angreifen oder das Gefecht durch das Vernichtungsprinzip des Feuers entscheiden. Vor diesem Hintergrund werden im unwahrscheinlichen Fall[44] der sonst gleichen Verhältnisse die durch Eigennutz angetriebenen Streitkräfte der kriegerischen Tugend überlegen sein. Schließlich wird aber der Volksgeist mit der Wucht seines Angriffs die Typ iii) Streitkraft an einer verletzlichen Stelle treffen und also dieser überlegen sein. Es könnte sich also eine Tendenz finden, nach welcher bei sonst gleichen Verhältnissen der Typ i) dem Typ ii), der Typ ii) dem Typ iii) und bemerkenswerterweise der Typ iii) dem Typ i) überlegen ist.

        Insgesamt scheint die moralisch qualitative Ungleichheit der Streitkräfte aber vor allem auf eine moralisch quantitative Ungleichheit hinauszulaufen und sich besonders durch eine unterschiedliche Beherrschung des kriegerischen Handwerks zu manifestieren. Da der Verdacht naheliegt, dass die durch kriegerische Tugend ausgezeichneten Streitkräfte durch ihre große Verbundenheit mit der Tätigkeit auch das Kriegshandwerk perfektionieren und in diesem Sinne eine Überlegenheit auf diesem Gebiet finden, sind sie zumindest tendenziell qualitativ moralisch überlegen. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass der alleinige Rückgriff auf die kriegerische Tugend nicht zwingend auch einen hohen Grad derselben beinhaltet. Finden sich z.B. Partisanen bzw. Guerillas, d.h. klassische Vertreter des Volksgeistes und im Duktus Herberg-Rothes „Gewaltamateure“[45], die über ein hohes Maß an Kriegs- und Gewalterfahrung verfügen, so ist diesen auch ein nicht zu verachtendes Maß an kriegerischer Tugend zu unterstellen, da sie doch zumindest über ein hohes Maß an kriegerischen Fähigkeiten verfügen und bei strenger Betrachtung des Begriffs alles andere als Gewaltamateure sind. Treten ihnen nun Soldaten entgegen, die einer Berufsarmee entspringen und in diesem Sinne Gewaltspezialisten darstellen, die also vom „kriegerischen Geiste durchdrungen“[46] sein sollten, da sie ihr Leben mit dieser Tätigkeit verbinden und im Rahmen der militärischen Tradition zum Teil mit Jahrhunderte überdauernden Korpsgeistern verbunden sind, die aber über keinerlei eigene persönliche Kriegs- und Gewalterfahrung verfügen, so scheint doch der Begriff des Gewaltspezialisten in die Irre zu führen. Vielmehr erscheint plötzlich der Guerilla mit seiner jahrelangen Gewalterfahrung der eigentliche Spezialist und mit der größeren kriegerischen Tugend ausgestattet zu sein, nur dass er zusätzlich auch noch über ein größeres Maß an Volksgeist verfügt.

        Es finden sich also auch auf taktischer Ebene eine Reihe von Ungleichheiten, welche die Gestalt des Krieges maßgeblich beeinträchtigen. Für das Wesen des Krieges ist es jedoch gleichgültig, ob sich konkret „Milizen, Warlords, Rebellen, Soldaten, Partisanen, Krieger, Söldner, Kindersoldaten [oder] Terroristen“[47] im Gefecht gegenüberstehen. Freilich gibt es signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Begriffen,[48] doch im Gefecht gelten für alle die gleichen Regeln und die unterschiedlichen Begriffe beschreiben lediglich verschiedenartige Ausprägungen der Wirklichkeit, nicht aber wesentliche Unterschiede, die auf das Wesen des Krieges einwirken. Denn im Grundsatz gilt, dass ein Produkt aus den Faktoren Anzahl der Kämpfer und Kampfkraft, bestehend aus Wille zum Kampf, Beherrschen des kriegerischen Handwerks und Qualität der Ausrüstung den Einsatzwert einer Streitkraft im Gefecht bestimmt und derjenige, der in diesem Produkt überlegen ist, auch notwendig den Sieg im Gefecht davon trägt. Dies zumindest insofern wir die Taktik, im Sinne der Aufstellung und Führung der Truppen, als eine integrale Komponente des kriegerischen Handwerks verstehen. Ansonsten würde dieser als dritter Faktor zur Bestimmung des Einsatzwertes hinzutreten müssen.[49]

        Das Wesen des Krieges wird im Rahmen der taktischen Dimension erst dann verändert, wenn aufgrund eines signifikanten Ungleichgewichts des Einsatzwertes der verfeindeten Streitkräfte, vorzüglich durch den Einsatz von technischen Mitteln, gegen welche der Gegner keine Gegenmaßnahmen setzen kann, ein Gefecht nicht mehr sinnvoll geführt werden kann und darum die eine Streitkraft im Angesicht der anderen wehrlos erscheinen muss. Der Krieg muss sich dann, wenn dies als Motiv zum Frieden noch nicht hinreicht, notwendigerweise auf die strategische Zielsetzung des Herbeiführens eines allgemeinen Schadens, d.h. auf den Kampf gegen Nichtstreitkräfte oder besonders schwache, aber auch strategisch wenig bedeutsame Streitkräfte beschränken.

 

 Zusammenfassung

Vor diesem Hintergrund erscheint der Begriff der Asymmetrie einleuchtender und in mehrere kriegstheoretische Facetten differenzierbar. Verschiedene Merkmale der Asymmetrie bzw. der Unterschiedlichkeit  können, müssen aber nicht zwingend zugleich auftreten. Wie Münkler völlig zu Recht feststellt, sollte das Verständnis symmetrischer und asymmetrischer Konflikte daher keine binäre Kodierung sein, mit welcher sie nur als das eine oder als das andere in Erscheinung treten könnten, sondern es handelt sich um gegensätzliche Extremtypen, zwischen denen die Konflikte der Wirklichkeit angesiedelt sind.[50] Ich denke durch diese Überlegungen einige Schlaglichter der Clausewitz’schen Theorie auf den Begriff der Asymmetrie geworfen zu haben. Dies müsste in weiteren Untersuchungen tiefgreifender behandelt werden und bedarf insbesondere einer empirischen Betrachtung.



[1]                 Clausewitz, Kriege, S. 227.

[2]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 195.

[3]                 Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 359; S. 374 f; S. 504.

[4]                 Vgl. Freudenberger, Theorie, S. 173 ff.

[5]                 Freudenberger, Theorie, S. 175.

[6]                 Schulze, Abwehrbereit, S. 52.

[7]                 Daase, Krieg, S. 253.

[8]                 Buciak, Konflikte.

[9]                 Schwarzkopf, Erfolg, S. 7.

[10]               Vgl. Schwarzkopf, Erfolg, S. 6.

[11]               Lütsch, Krieg, S. 147.

[12]               Vgl. Clausewitz, Kriege, s. 507 ff.

[13]               Vgl. Schwarzkopf, Erfolg, S. 7.

[14]               Guttenberg, Trauerrede, S. 2.

[15]          Siehe Kapitel IV.4.

[16]               Siehe Kapitel V.5.3.

[17]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 1009.

[18]          Siehe Kapitel V.5.3.

[19]               Siehe Kapitel V.5.4.

[20]               Siehe Kapitel V.5.2.

[21]               Clausewitz, Kriege, S. 262.

[22]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 262 ff.

[23]          Siehe Kapitel V.6.

[24]          Siehe Kapitel VII.1.

[25]               Siehe Kapitel VI.5.

[26]               Clausewitz, Kriege, S. 803.

[27]               Vgl. Kleemeier, Grundfragen, S. 226 f; vgl. Heuser, Clausewitz, S. 168 ff.

[28]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 799.

[29]               Vgl. Kunisch, Krieg.

[30]               Clausewitz, Kriege, S. 810.

[31]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 374.

[32]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 389 ff.

[33]               Clausewitz, Kriege, S. 810.

[34]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 373.

[35]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 377.

[36]               Vgl. Demmin, Kriegswaffen, S. 91 ff.

[37]               Vgl. Schwarzkopf, Erfolge, S. 6 ff.

[38]               Schwarzkopf, Erfolge, S. 7.

[39]               Clausewitz, Kriege, S. 194 f.

[40]               Vgl. Münkler, Kriege II, S. 649 ff.

[41]               Siehe Kapitel VI.2.3.

[42]               Vgl. Clausewitz, Kriege, S. 804.

[43]               Siehe Kapitel VI.4.

[44]               Wie ich im Kapitel VI.2.4 ausgeführt habe, werden die durch kriegerische Tugend motivierten Streitkräfte in der Regel über einen höheren Kampfwert verfügen als übrige. Insbesondere die durch Eigennutz angetriebenen Streitkräfte werden regelmäßig nur einen schwachen Kampfwert aufweisen.

[45]               Herberg-Rothe, Dreifaltigkeit, S. 171.

[46]               Clausewitz, Kriege, S. 362.

[47]               Herberg, Rothe, Krieg, S. 60.

[48]               Vgl. Herberg-Rothe, Krieg, S. 61 ff.

[49]          Siehe Kapitel VI.2.3.

[50]               Vgl. Münkler, Kriege II, S. 649 ff.

 

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Kapitel VII.2 - Übersicht

  • VII.2.1 Das Fehlen eines dynamischen Gesellschaftsbildes bei Clausewitz

    1.1. Das Fehlen eines dynamischen Gesellschaftsbildes bei Clausewitz In der Clausewitz’schen Theorie ist der kriegerische Akt eine kollektive Gewalthandlung zwischen politischen Gemeinwesen.[1] Das eine Gemeinwesen versucht dem anderen seinen Willen aufzudrängen und vice versa. Ein politisches Gemeinwesen ist hauptsächlich dadurch definiert, dass es für die in ihm lebenden Personen die höchste moralische Autorität darstellt, unabhängig davon, ob diese z.B. durch eine Einzelperson, ein System oder eine Verfassung verkörpert wird. Dies gilt entweder unmittelbar oder mittelbar, d.h. es kann freilich auch eine Kette von moralischen Autoritäten unterschiedlicher Ordnungsgrade bestehen. Von einer höchsten moralischen Autorität sprechen wir aber nur dann, wenn sich diese Instanz keiner weiteren irdischen moralischen Gewalt unterordnet. Es ist also eine „philosophische Wahrheit“[2], dass sich die Menschheit eineindeutig in Read More
  • VII.2.2 Die Bedeutung der Bevölkerung

    1.1. Die Bedeutung der Bevölkerung Die Bevölkerung hat in der Clausewitz’schen Kriegstheorie einen durchaus nennenswerten Stellenwert. Sie nimmt die folgenden Rollen ein: Quell der Streitkräfte.[1] In diesem Sinne beeinflusst die absolute Größe der Bevölkerung auch die absolute Größe der Streitkräfte. Multiplikator des politischen Zwecks.[2] Je mehr sich die Bevölkerung für den politischen Zweck begeistert, desto größer wird seine Bedeutung, desto größer können also die Anstrengungen werden, welche das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen darf.[3] Alleiniger Faktor für Leidenschaft und Hass.[4] Je mehr die Bevölkerung kollektiv Feindschaft gegenüber dem Gegner entwickelt, desto größer werden die Anstrengungen, die das politische Gemeinwesen für den Krieg unternehmen kann, ohne dass damit die Aussicht auf Verwirklichung eines konkreten Zwecks verbunden sein muss.[5] Streitkraft im Read More
  • VII.2.3 Die Folgen ungleicher Verhältnisse

    1.1. Die Folgen ungleicher Verhältnisse Ein Mittel, welches Clausewitz zur Verdeutlichung seiner deduktiven Beweisführungen vielfach nutzt, ist die Gleichstellung der Kriegsparteien. Indem er beide Akteuren unter „übrigens gleichen Umständen“[1] betrachtet, kann er pointiert einzelne Variablen verändern und somit logisch begründen, dass eine bestimmte Verhaltenstendenz erfolgversprechender ist als eine andere. Auf diesem Wege stellt er z.B. fest, dass unter ansonsten identischen Umständen und Verhältnissen derjenige, welcher mehr Kräfte aufbringt als der andere, im Vorteil sein muss. Aus solchen Überlegungen kann er in der Folge ableiten, dass grundsätzlich ein Mehr an Kräften eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit im Kriege herbeiführt.[2] Die Vorstellung identischer oder zumindest ähnlicher Umstände auf beiden Seiten ist jedoch nicht allein in der theoretischen Anschaulichkeit begründet, sondern hat einen konkreten Hintergrund Read More
  • VII.2.4 Bilanz: Streitkräfte als Mittel der Stabilisierung

    1.1. Bilanz: Streitkräfte als Mittel der Stabilisierung Oben wurde bereits das wundersame Phänomen angedeutet, welches die Militärtheoretiker und Strategen der heutigen westlichen Welt in Erklärungsnöte bringt und eine intellektuelle wie auch praktische Herausforderung darstellt. Ob in Afghanistan oder im Irak, um nur die beiden aktuell prominentesten Schauplätze zu nennen, stehen bzw. standen hochgerüstete, technologisch weit überlegene Streitkräfte der westlichen Welt nur rudimentär ausgebildeten, schlecht organisierten und bewaffneten Kämpfern gegenüber und konnten sich nicht durchsetzen bzw. vermochten es nicht, den gewaltsamen Konflikt zu den eigenen Bedingungen zu beenden. Schon allein die Frage, ob es sich bei diesen Konflikten um tatsächliche Kriege handelte oder ob es reine Stabilisierungsmaßnahmen waren, spaltet die Fachwelt und bleibt auch weiterhin der jeweiligen theoretischen Perspektive bzw. der Read More
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